3. Mittelhessischer Außenwirtschaftstag
Wo Russland, die Ukraine, Kasachstan und Usbekistan auf der Landkarte zu finden sind, wissen wahrscheinlich die meisten Menschen. Weitergehende Kenntnisse über die Staaten jenseits der EU-Beitrittsländer sind allerdings oft Mangelware auch in den Unternehmen, die dort neue Handelsbeziehungen anknüpfen könnten. Dem sollte der 3. Mittelhessische Außenwirtschaftstag zum Thema "Geschäftschancen in Osteuropa und Zentralasien" am 19. Februar 2008 abhelfen. Fazit der Veranstaltung in der IHK-Geschäftsstelle Dillenburg: Die Staaten der ehemaligen Sowjetunion sind auch für mittelhessische Unternehmen nicht nur als Zukunftsmarkt, sondern auch jetzt schon hochinteressant.
Welch gewaltiges Potential die dortigen Märkte bei allen Risiken bieten, machten die Referenten mehrfach eindrucksvoll anhand der Entwicklung von Export- und Investitionssummen im Vergleich zum Bruttoinlandsprodukt der Gemeinschaft Unabhängiger Staaten (GUS) deutlich. Dabei standen neben Russland und der Ukraine auch Belarus (Weißrussland), Kasachstan und Usbekistan im Mittelpunkt der ganztägigen Tagung. „Sie erschienen aufgrund ihres Wachstums in den vergangenen Jahren, ihres Bruttoinlandsprodukt und Bevölkerungsreichtums als aussichtreiche Absatzmärkte und Standorte für Investitionen“, erklärte dazu Karl-Heinz Lust als Präsident der IHK Lahn-Dill, die zusammen mit den IHKs Gießen-Friedberg, und Limburg als IHK-Verbund Mittelhessen gemeinsam mit dem Hamburger Ost- und Mitteleuropa Verein (OMV) das Treffen organisierte. Neben den Fachvorträgen bot sich für die rund 60 Vertreter mittelhessischer Betriebe die Möglichkeit, im Einzelgespräch mit den Fachleuten Detailfragen zu einem unternehmerischen Engagement in der Gemeinschaft unabhängiger Staaten zu klären.
Hohe Bereitschaft zur Innovation und zur Erschließung neuer Märkte? bescheinigte IHK-Präsident Karl-Heinz Lust beim 3. Mittelhessischen Außenwirtschaftstag in Dillenburg den Unternehmen der Region. (Foto: Kordesch)
Eingangs machte Staatsminister Rhiel in seinem Grußwort bewusst, welche Vorteile die Öffnung Europas nicht nur aus kultureller und sozialer, sondern vor allem auch wirtschaftlicher Sicht gebracht habe. Gerade die hessischen Unternehmen, die im Vorjahr 55 000 neue Beschäftigungsverhältnisse abgeschlossen hätten, seien für die Zusammenarbeit mit den osteuropäischen Ländern prädestiniert und könnten auf dem internationalen Wettbewerbsmarkt bestehen: „Wir können und müssen einen Tick besser sein als wir teurer sind!“, sagte der Wirtschaftsminister. Er wies auf die Notwendigkeit hin, die Exporte im gleichen Maße zu steigern wie die Importzahlen gewachsen seien. „Diesen Prozess können Sie selbstbewusst und mit Optimismus gestalten“, sagte er an die Unternehmer gerichtet. Der Osten mit „unglaublichen Wachstumsraten von teilweise zehn Prozent biete besondere Chancen für Zusammenarbeit im Im- und Export, erklärte Rhiel. An die Veranstalter gerichtet ergänzte er: „Die Zusammenarbeit der mittelhessischen IHKs ist vorbildich - insbesondere im Bereich Außenwirtschaft.“
Die Staaten jenseits der EU-Beitrittsländer bieten gerade hessischen Unternehmen gute Chancen für die wirtschaftliche Zusammenarbeit: Der hessische Staatsminister für Wirtschaft, Verkehr und Landesentwicklung, Dr. Alois Rhiel, bei seinem Grußwort. (Foto: Kordesch)
IHK-Präsident Lust betonte in seiner Ansprache, dass die heimische Region eine überdurchschnittliche Exportquote aufweise, auch ohne viele Vorleistungen von heimischen Zulieferern für die exportierende Automobilindustrie zu berücksichtigen. „Viele Unternehmen sind in ihren Nischen führende Anbieter und beliefern intensiv den europäischen Markt und zunehmend auch die Weltmärkte“, erklärte er den auswärtigen Gästen: „Sie zeichnen sich durch eine hohe Bereitschaft zur Innovation und zur Erschließung neuer Märkte aus“, sagte Lust, bevor Vertreter der Auslandshandelskammern (AHK) und für Usbekistans ein Korrespondent der Bundesagentur für Außenwirtschaft über die Wachstumsmärkte und Wachstumsbranchen ihrer Länder berichten. Für die Unternehmenspraxis begrüßte der IHK-Präsident mehrere Firmenvertreter und zwei Dienstleister, die länderübergreifend über die Themen Exportfinanzierung sowie Transport, Logistik und Wareneinfuhr informierten.
Experten und Praktiker auch aus Osteuropa trafen auf rund 60 mittelhessische Unternehmer.
(Foto: Kordesch)
Den Vortragsreigen eröffnete Dr. Peter Danylow als geschäftsführendes Vorstandsmitglied des Ost- und Mitteleuropa-Vereins mit einer Einführung zum Thema „Partnerregion GUS - ein Zukunftsmarkt?“. Deutschland als Exportweltmeister habe im Vorjahr Güter für rund 970 Milliarden Euro ausgeführt, davon rund 341 Milliarden Euro in Nicht-EU-Länder. Auf die GUS entfielen dabei laut Danylow bereits etwa 38 Milliarden Euro, sagte er. Von den Einfuhren im Wert von 770 Milliarden Euro entfielen 268 Milliarden Euro auf Drittländer und 34 Milliarden Euro auf die GUS, davon stamme ein hoher Anteil aus Russland, erläuterte Danylow. Er prophezeite Osteuropa und Zentralasien künftig eine zunehmend zentrale Bedeutung für den deutschen Markt. Er hoffe deshalb, dass sich die Verhältnisse vor allem in der Ukraine verbessern und politisch stabilisieren würden, betonte aber: „Trotzdem kann man mit diesen Ländern wirtschaftlich arbeiten.“
Das unterstrich auch Dr. Alexander Spaak, der Geschäftsführer des in Moskau ansässigen Informationszentrums der Deutschen Wirtschaft in der Russischen Föderation, der sich mit dem „Marktplatz Russische Föderation“ beschäftigte. Das in den deutschen Medien vermittelte und von Mafia, Korruption und Vorurteilen geprägte Russlandbild sei in vielen Dingen überzogen, sagte er. Unternehmer hätten durchaus Möglichkeiten, ihr Recht durchzusetzen, wie auch die Verfahren der Knauf-Gruppe oder Siemens gezeigt hätten. Russland habe in den vergangenen sechs Jahren seine Industrieproduktion um 6,3 Prozent gesteigert und 2006 ein Brutto-Inlandsprodukt von 895 Milliarden US-Dollar erzielt, machte Spaak bewusst. 1998 habe es noch 257 Milliarden, 2005 dann 741 Milliarden US-Dollar betragen. Hinsichtlich des Außenhandels berichtete er von einem ausgeprägten Bewusstsein für deutsche Qualität, auf die sich viele Werbeslogans berufen würden. Gleichzeitig gebe es gewaltige Absatzchancen: Die Autoverkäufe beispielsweise seien mit dem Anstieg der immer noch niedrigen Reallöhne um 64 Prozent gewachsen; die Umsätze der in den vergangenen Jahren eröffneten Metro-Märkte überträfen alles aus Europa Bekannte: „Es ist schon problematisch, so viele Waren heranzuschaffen, wie in kürzester Zeit umgesetzt werden können“, sagte Spaak.
Er empfahl den Unternehmern, bei einem geplanten Engagement zunächst eine Messe vor Ort zu besuchen, um die Wettbewerber kennenzulernen und sich über den Markt zu informieren. Auf offizielle Zahlen sei dabei wenig Verlass, sagte er und riet, ein professionelles Marktforschungsinstitut anzufragen. Im nächsten Schritt sei dann die Zusammenarbeit mit einem Importeur mit guten Kundenkontakten empfehlenswert, wobei man unbedingt seine Markenrechte schützen müsse. Außerdem informierte Spaak über die seinen Worten zufolge auch steuerlich unproblematische Einrichtung einer eigenen Repräsentanz, die Gründung einer Vertriebsgesellschaft oder einer GmbH vor Ort. Grundsätzlich warnte er vor reinen Faxbestellungen beziehungsweise dem Verzicht auf schriftliche Verträge, ohne die man rechtlich keinerlei Handhabe besitze, und betonte die große Bedeutung des persönlichen Kennenlernens auch für die russischen Partner.
Als Generalbevollmächtigter der Grimme Landmaschinenfabrik berichtete Fritz Bork über die Erfahrungen der mittelständischen Firma aus Damme, bevor Karin Rau, die Delegierte der Deutschen Wirtschaft in der Ukraine, zum Thema „Absatzpotentiale in der Ukraine entwickeln, Chancen nutzen, Risiken umgehen“ sprach. Über die praktische Erfahrung als Exporteur von technischen Produkten und Fachhändler in der Ukraine berichtete anschließend Claudia Link, Geschäftsführerin der Link & Agel Technik Transfer GmbH in Gießen. Dem „Marktplatz Belarus“ als potentieller Markt für deutsche Unternehmer widmete sich Dr. Wladimir Augustinski, Leiter der Repräsentanz der Deutschen Wirtschaft in der Republik Belarus in Minsk, was Heidemarie Marx als Leiterin der Vertretung „Textima Export Import GmbH“ aus Minsk mit ihrem Bericht über den seit 15 Jahren erfolgreichen Verkauf von Maschinen und Anlagen in Belarus vertiefte.
Dem Wachstumsmarkt Kasachstan und den Chancen und Risiken für deutsche Unternehmer wandte sich Dr. Galia Shunusalijewa, die Leiterin Repräsentanz der Deutschen Wirtschaft in Kasachstan in Almaty, zu, und Christian Walter als Geschäftsführer der ThyssenKrupp Bautechnik GmbH Essen/Alsfeld referierte die Erfahrungen der ThyssenKrupp Bautechnik bei der Markterschließung in Kasachstan. Das „Ressourcenreiche Usbekistan“ war Thema der Standortbilanz von Dr. Uwe Strohbach, der als Reisekorrespondent der Bundesagentur für Außenwirtschaft (bfai) in Köln an dem Wirtschaftstag teilnahm. Norbert Hinkelmann, seines Zeichens Abteilungsleiter der MAN Ferrostaal AG in Essen beleuchtete den Aspekt „Fingerspitzengefühl gefragt“. Um das länderübergreifende Thema „Exportfinanzierung und Zahlungssicherung“ kümmerte sich Helena Hartel (Global Relationship Manager der Hypo-Vereinsbank, München), während Peter Vasilopoulos als Stellvertretender Geschäftsführer der Alfons Köster & Co. GmbH in Hamburg und Kelsterbach deutlich machte, das die Wareneinfuhr in die GUS leichter ist als es zunächst den Anschein hat. Mit einem Stehempfang endete der Außenwirtschaftstag am frühen Abend und bot Gelegenheit zum weiteren Austausch zwischen den Teilnehmern, wobei sich wie schon in den Pausen dem Netzwerkgedanken entsprechend manche gemeinsame Perspektive für die Unternehmer ergab.
Kontakt: Ansprechpartner
(Stand: 04.03.2008)



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