Gießen holt stark auf
Vogelsberger wieder Schlusslicht – Kreditklemme kein akutes Risiko
(Gießen-Friedberg, 2.3.2010) – Die Konjunkturumfrage der IHK Gießen-Friedberg wurde auch diesmal nach den Ergebnissen in den drei Kreisen Gießen, Vogelsberg und Wetterau ausgewertet. Nachdem im Jahre 2009 zweimal in Folge die besten Ergebnisse aus dem Wetteraukreis kamen, hat sich nunmehr der Landkreis Gießen die Spitzenposition wieder zurück erkämpft. Der Vogelsbergkreis, bei der Herbstumfrage mit unerwartet guten Ergebnissen, ist wieder zurück gefallen.Bei dieser Umfrage wurde darüber hinaus nach Veränderungen bei den Finanzierungskonditionen im Vergleich zum Vorjahr gefragt. Weiter äusserten die Unternehmen ihre Erfahrungen mit der Kurzarbeit und gaben Auskunft über vorgesehene Auslandsinvestitionen.
Der neue Spitzenreiter, der Landkreis Gießen kommt auf einen Klimaindex von 97,7 und erreicht damit fast die Zufriedenheitsschwelle, die bei 100 liegt. Vor einem Jahr kamen die Giessener Unternehmen auf einen Klimaindex von 70,3 und bei der Herbstumfrage lag das Ergebnis bei 79,6 Einheiten. Der Wetteraukreis kommt aktuell auf einen Index von 92,1 Einheiten. Im Vorjahr lagen die Betriebe zwischen Butzbach und Bad Vilbel, zwischen Büdingen und Ober Mörlen bei einem Klimawert von 75,2 und bei der Herbstumfrage bei 85,7 Einheiten. Der Vogelsbergkreis schließlich rangiert mit 78,8 Einheiten am Ende der Skala. Vor einem Jahr wurde ein Klimaindex von 52,7 ermittelt. Das Herbstergebnis von 84,3 Einheiten zeigt, dass die Betriebe aus dem Vogelsbergkreis sogar von einer Verschlechterung der konjunkturellen Lage und der künftigen Entwicklung ausgehen. Besonders augenfällig bei dieser Entwicklung ist die deutliche Verbesserung des wirtschaftlichen Klimas im Landkreis Gießen. Sowohl im Vergleich zum Vorjahr, wo eine klare Steigerung um fast 30 Punkte ermittelt wurde, als auch im Vergleich zur Herbstumfrage vor drei Monaten, hier gibt es eine Verbesserung um fast 20 Punkte, lassen eine klare Stimmungsverbesserung mit deutlicher Dynamik erkennen.
Allerdings liegen sämtliche Ergebnisse des IHK-Bezirkes unter den hessischen Resultaten. Das Landesergebnis liegt aktuell bei einem Klimaindex von 101,0 Einheiten. Vor einem Jahr lag das hessische Gesamtresultat bei 73,6 und im Vorquartal bei 94,3 Einheiten. Zum Vergleich die Ergebnisse des IHK-Bezirkes: Aktuell 91,8, Vorjahr 68,5 und bei der Herbstumfrage 83,3 Einheiten. Lediglich der Landkreis Gießen kommt nahe an das Landesergebnis, weist aber Vergleich zur Herbstumfrage eine erheblich größere Steigerung vor.
Interessant in diesem Zusammenhang sind die neuesten Arbeitslosenquoten im Dezember 2009. Danach liegt auch hier der Wetteraukreis mit 5,2 Prozent am besten und weist im Vergleich zum Vorjahr sogar einen leichten Rückgang auf. Beim Landkreis Gießen stieg die Arbeitslosenquote im Dezember 2009 auf 8,3 Prozent und ist damit um 0,8 Prozentpunkte höher als im Vorjahr. Der Vogelsbergkreis schließlich liegt bei 6,5 Prozent gegenüber 6,1 Prozent im Vorjahr.
Bei den Exportquoten 2008 ergibt sich ebenfalls ein differenziertes Bild. Hier liegt der Landkreis Gießen mit 39,0 Prozent vorn. Der Wetteraukreis liegt mit 30,2 Prozent erheblich dahinter, während der Vogelsbergkreis mit lediglich 24,9 Prozent die geringste Exportquote aufweist. In der Hochzeit der Krise waren diese Strukturen von Nachteil für den Landkreis Gießen, was auch die Ergebnisse der vergangenen Umfragen bestätigt. Immerhin gab es im vergangenen Jahr einen Exporteinbruch von rund 17 Prozent. Nunmehr, wo die konjunkturelle Richtung wieder aufwärts weist, ist eine höhere Exportverflechtung, zumindest mittelfristig, von immensem Vorteil.
Industrie: Wetteraukreis vorn
Die besten Ergebnisse aus der Industrie kommen aus dem Wetteraukreis. Dort schließt man mit einem Klimaindex von 107,8 ab und weist damit eine Steigerung gegenüber dem Vorjahr um mehr als 30 Punke auf. Die besten Ergebnisse liefern hier die Betriebe aus der Chemie- und Pharmabranche. Enttäuschend schneiden die eigentlichen Vorzeigerbranchen Maschinenbau und Elektrotechnik ab.
Im Landkreis Gießen kommt die dortige Industrie auf einen Klimaindex von 91,5 gegenüber 64,9 im Vorjahr. Damit liegt eine Steigerung um 26,6 Punkte vor. Hier kommen die besten Resultate aus der Pharmabranche und der Elektrotechnik. Auch hier schneidet der Maschinenbau enttäuschend ab.
Die Vogelsberger Industrie kommt schließlich auf einen Klimaindexwert von 84,7 gegenüber von 48,9 im Vorjahr. Damit wird zwar der niedrigste Klimawert erreicht, allerdings liegt mit 35,8 Punkten die höchste Steigerung vor. Dahinter versteckt sich eine Verbesserung in der Breite der Vogelsberger Industriestruktur – auf allerdings niedrigem Niveau.
Einzelhandel: Rückgang im Vogelsberg
Der Vogelsberger Einzelhandel kommt auf einen Klimaindex von 63,2 gegenüber 35,2 im Vorjahr. Somit weist die Branche auch hier, genau wie im Wetteraukreis und im Landkreis Gießen eine Verbesserung des wirtschaftlichen Klimas auf allerdings sehr niedrigem Niveau auf. Nach dem relativ guten Ergebnis der Vogelsberger Einzelhändler im Herbst, wo man sogar besser als der gesamte hessische Einzelhandel abschnitt, tritt nun offenbar wieder eine Normalisierung ein. Offenbar verlegt sich die Nachfrage aus dem Vogelsberg wieder mehr nach Fulda und Gießen. Auf dem Höhepunkt der Krise hat man diese Fahrten eher unterlassen. Der Wetterauer Einzelhandel schließt mit einem Klimaindex von 67,6 gegenüber 62,9 im Vorjahr ab. Damit wird hier nur eine geringe Verbesserung erzielt. Deutlicher ist die Stimmung im Einzelhandel des Landkreises Gießen gestiegen. Aktuell kommt man auf einen Index von 69,5 gegenüber 44,0 im Vorjahr, was einer Steigerung um gut 25 Punkte entspricht.
Insgesamt kommen im Landkreis Gießen die besten Ergebnisse aus dem Kreditgewerbe und dem Verkehrssektor.
Konjunkturrisiko Inlandsnachfrage
In einer Sonderaktion wollte die IHK Antworten auf weitere aktuelle Fragestellungen der derzeitigen konjunkturellen Lage erhalten. Zunächst wurden die Unternehmen nach ihren Einschätzungen zu den größten Risiken der derzeitigen Entwicklung gefragt. Dabei sehen 71,7 Prozent aller Unternehmen die schwache bzw. fehlende Inlandsnachfrage als Risiko Nummer eins. Dabei ist überraschend, dass nur zwei Drittel der Einzelhändler diese Antwort geben. Nahezu gleichauf als zweitgrößtes Konjunkturrisiko sehen rund 42 Prozent der Betriebe die Unberechenbarkeit der Energie- und Rohstoffpreise. Die Zeit der hohen Ölpreise und signifikant gestiegenen Strompreise hat offenbar tiefe Verunsicherung hinterlassen. Auf gleich hohem Niveau sehen die Unternehmen die Höhe der Arbeitskosten als Risiko an. Eine Verschärfung der Finanzierungssituation sieht rund ein Viertel der gesamten regionalen Wirtschaft als Problem. Damit lässt sich vermuten, dass die viel beschworenen Kreditklemme in der realen Wirtschaft zumindest derzeit nicht das vordringliche Problem ist und eventuell eher ein konstruiertes Medienereignis darstellt.
Kreditkonditionen sogar besser
Verbesserte Finanzierungskonditionen gegenüber dem Vorjahr sehen 7,3 Prozent aller Unternehmen. Bei der vergangenen Umfrage sahen dies 6,7 Prozent der Betriebe. Für 64,0 Prozent aller Betriebe, gegenüber 60,2 im Herbst, sind diese Konditionen gleich geblieben. Dagegen sehen 23,4 Prozent der Unternehmen verschlechterte Finanzierungskonditionen, dies waren im Herbst 30,7 Prozent der Betriebe. Allerdings sprechen 5,4 Prozent der Betriebe, gegenüber 2,4 Prozent bei der vergangenen Umfrage, von nicht verlängerten Krediten.
Genauer definieren die Unternehmen die Zinssituation, gestiegene Anforderungen an die Sicherheiten bzw. gestiegene Ansprüche an die Dokumentationspflichten als Ausprägungen der verschlechterten Kreditkonditionen. Verschlechterte Kreditkonditionen betreffen maßgeblich die Betriebsmittelkredite und – mit einigem Abstand – die Investitionskredite.
Die Banken und Kreditinstitute sehen das etwas anders: Bei der IHK-Vollversammlung im Herbst 2009 beispielsweise berichteten deren Vertreter, dass von der vielbeschworenen Kreditklemme keine Rede sein könne. Die Frage nach der Kreditklemme wird vermutlich erst dann akut, wenn die erhöhten Anforderungen der Banken an die Kreditvergabe auf steigende Investitionsabsichten der Betriebe trifft.
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Verantwortlich für den Inhalt und Pressekontakt: Kurt Schmitt, Tel. 06031 / 609-1100




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