IHK Gießen-Friedberg

Überall besser

Steigende Bedeutung der BRIC-Länder – Einzelhandel kommt auf die Beine

(Gießen-Friedberg, 18.10.2010) – Die konjunkturelle Situation hat sich in allen Bereichen verbessert. Die Verbesserung gegenüber der Umfrage im vergangenen Jahr ist erheblich. Auch im Vergleich zur Frühjahrsumfrage ist eine erfreuliche Steigerung erkennbar. Der industrielle Bereich profitiert ganz deutlich von Exporterfolgen, insbesondere Ausfuhren nach China und weiteren asiatischen Schwellenländern geben das Tempo vor. Einzig die Unternehmen der Ge- und Verbrauchsgüter haben sich im Vergleich zum Herbst 2009 verschlechtert. Der durchwachsene Sommer ist für die Stimmungseintrübung bei den Mineralwasserherstellern und den Brauereien verantwortlich. Auch beim Einzelhandel ist eine klare Verbesserung erkennbar. Ganz klar übrigens im Vergleich zur Frühjahrsumfrage. Offenbar hat sich der Konsument von seiner Angst befreit. Die Branche nähert sich nach langen, zähen Jahren auf leisen Sohlen der Zufriedenheitsschwelle. Der Dienstleistungsbereich ist sehr zufrieden. Dort wird der beste Sektorenwert erzielt: Gastgewerbe, Kreditgewerbe, Finanzdienstleister, Versicherungen und unternehmensbezogene Bereieche – die Zufriedenheit geht durch alle tertiären Branchen. Lediglich die Verkehrsbranche hinkt etwas hinterher.

Bei der Einschätzung der aktuellen Lage sind ein Drittel der Betriebe zufrieden. Im vergangenen Jahr zeigte sich nur jeder fünfte Betrieb klaglos. Dagegen sind aktuell 13 Prozent aller Unternehmen unzufrieden. Dies waren im vergangenen Jahr ein Drittel aller Betriebe. Mit einer eindeutigen Wendung hin zu einem positiven Saldo hat sich innerhalb eines Jahres die Konjunktur gedreht. Die Stimmung ist eindeutig positiv. Dieser Trend bestätigt sich im Übrigen auch im Vergleich zur Frühjahrsumfrage eindeutig. Etwas anders zeigen sich die Veränderungen bei der Einschätzung zur künftigen Entwicklung. Hier sind 25 Prozent aller Betriebe optimistisch, gegenüber knapp 19 Prozent im vergangenen Jahr. Mithin eine vergleichsweise geringe Steigerung. Der entsprechende Rückgang bei den skeptischen Stimmen ist dagegen deutlicher: Aktuell gehen genau 16,4 Prozent aller Betriebe von einem eher ungünstigeren Verlauf des kommenden halben Jahres aus. Dies waren im vergangen Jahr immerhin 38,1 Prozent. Also ein erheblicher Rückgang des Pessimismus.

Mit all diesen Werten wird heute ein Klimaindex von 113,3 ermittelt. Dieser Wert lag im vergangenen Jahr bei 83,3 und im Frühjahr 2010 bei 102,5. Der Klimaindex ist ein Durchschnittswert aus den Antworten zur Gegenwart und zur Zukunft. Er kann zwischen 200 als bestem Wert und Null als schlechtestem Wert liegen.

Die Konjunkturumfrage der IHK Gießen-Friedberg fand von Mitte August bis Mitte September 2010 statt. Befragt wurden gut 1.100 Mitgliedsbetriebe aus den Landkreisen Gießen, Vogelsberg und Wetterau.

Der seitherige konjunkturelle Verlauf des Jahres 2010 war zufriedenstellend, wenn nicht sogar überraschend positiv. Insbesondere das sehr gute zweite Quartal, in dem die Wirtschaftsleistung um 2,2 Prozent zulegte war dafür verantwortlich. Damit wuchs das Bruttoinlandsprodukt so stark, wie zuletzt im ersten Quartal 1991. Mit einer Steigerung des Bruttoinlandsproduktes im ersten Quartal um 0,5 Prozent und den prognostizierten 0,7 Prozent für das laufende Quartal, landen die Schätzungen bei einer Wachstumsrate zwischen 3,0 und 3,5 für das Jahr 2010. Damit setzt sich Deutschland an die Spitze der europäischen Konjunktur und nimmt wieder die Rolle der kontinentalen Lokomotive ein. Das Jahr 2009 schloß insgesamt mit einer Wachstumsrate von Minus 4,7 Prozent ab. Das Jahr 2008 hingegen mit einer Steigerung von 1,0 Prozent. Damit haben wir jetzt 59 Prozent des Bruttoinlandsprodukt-Rückgangs von Anfang 2008 bis 2009 aufgeholt.

Export wieder Lokomotive

Der Trend bei den deutschen Exporten bleibt insgesamt aufwärts gerichtet - auch wenn die Exporte im Juli 2010 im Vergleich zum Vormonat kalender- und saisonbereinigt um 1,5 Prozent abgenommen haben. Es ist im Übrigen nicht ungewöhnlich, dass nach den zwei sehr guten Vormonaten, ein etwas schwächerer folgt. Immerhin liegen die Exporte um 18,7 Prozent über ihrem Vorjahreswert.

Das Exportgeschäft profitiert weiterhin von der allgemeinen wirtschaftlichen Erholung weltweit. Dies gilt insbesondere für die Entwicklung in China, Indien und in den Schwellenländern. Auch der vergleichsweise schwache Eurokurs spielt dem Exporteuren in die Karten. Dass nach den Aufholprozessen der vergangenen Monate eine gewisse Abschwächung der Exportdynamik eintreten würde, war abzusehen. Gerade die USA, Frankreich, Spanien und Italien schwächeln.

Im Juli 2010 exportierte Deutschland Waren im Wert von 83,0 Milliarden Euro und importierte Waren im Wert von 69,5 Milliarden Euro. Die deutschen Einfuhren waren damit um 24,9 Prozent höher als im Juli 2009. Überdurchschnittlich stiegen die Exporte in Länder außerhalb der EU: Hier gab es ein Plus von 26,0 Prozent zu verzeichnen, während die Ausfuhren in die EU-Länder um 13,8 Prozent wuchsen."

Siegeszug der BRIC-Länder

War die deutsche Exportabhängigkeit im Zuge der weltweiten Finanzkrise mit verantwortlich für die tiefe Rezession, so gilt jetzt umgekehrt: Der im Frühjahr begonnene Aufschwung ist deshalb so kraftvoll, weil die deutsche Wirtschaft international höchst erfolgreich ist. Bemerkenswert ist, wie sich die Bedeutung der Zielländer der deutschen Exporte verschoben hat. So nimmt der Anteil der Ausfuhren in die USA seit geraumer Zeit kontinuierlich ab und liegt mittlerweile mit weniger als sieben Prozent auf dem Niveau der Exporte in die Niederlande. Im Gegenzug stieg die Bedeutung der BRIC-Länder beständig. Mit über zehn Prozent liegt der Anteil Brasiliens, Russlands, Indiens und Chinas an den Exporten schon über dem des traditionell größten Handelspartners Frankreich.

Maschinenbau verdoppelt Prognose

Die deutschen Maschinenbauer gehen von einer Steigerung der Produktion um sechs Prozent aus. Das ist eine glatte Verdoppelung gegenüber der seitherigen Prognose. Grund hierfür: Der deutsche Maschinen- und Anlagenbau kann für das erste Halbjahr 2010 eine ausgesprochen positive Bilanz ziehen. Die Konjunktur hat sich wesentlich besser entwickelt als es die Branche noch vor Jahresfrist erwartet hatte. Für den Mai errechnete sich 5,4 Prozent Produktionswachstum, für den Juni sogar 9,5 Prozent Wachstum. Für den Juli geht man von einem Plus von über neun Prozent aus. Die Auslastung des Maschinenbaus war im Juli mit 82,9 Prozent im Durchschnitt der Branche wieder recht passabel. Die Exporte wuchsen in der ersten Jahreshälfte preisbereinigt um 3,5 Prozent. Der Aufschwung wird nun von immer mehr Ländern getragen. Die stärksten Impulse kommen von amerikanischen und asiatischen Entwicklungs- und Schwellenländern wie China, Indien und Brasilien, aber auch aus anderen Ländern wie Russland, Schweiz, Polen, Türkei, Korea, Ungarn belebt sich die Nachfrage.

Seit Februar 2010 geht es bei den Orders deutscher Maschinen und Anlagen mit hohen zweistelligen Wachstumsraten bergauf. Insgesamt errechnet sich für die ersten sieben Monate ein Auftragsplus von 34 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Der inländische Bestelleingang hält durchaus im Tempo mit. Er läuft lediglich – und das ist für die gesamte Wirtschaft in Deutschland typisch – der Auslandsnachfrage zeitversetzt etwas hinterher und kommt daher zunächst „nur“ auf 29 Prozent Plus. Diese zeitliche Verzögerung kann übrigens nicht nur jetzt im Aufschwung beobachtet werden, sondern hatte auch im Absturz 2008 seine Gültigkeit.

Der Klimaindex des Maschinenbaus liegt bei 110,4 gegenüber 100,0 im Vorjahr.

Bau verhalten gut

Während sich andere Branchen über zweistellige Zuwachsraten freuen können, läuft die konjunkturelle Entwicklung in der deutschen Bauwirtschaft eher verhalten.

Der Auftragseingang im Bauhauptgewerbe im zweiten Quartal ist im Vergleich zum Vorjahresquartal nur um nominal 0,5 % gestiegen. Es ist lediglich der guten Auftragsentwicklung im ersten Quartal zu verdanken, dass die Unternehmen das erste Halbjahr noch mit einem Auftragsplus von 4,2 % abschließen konnten. Offenbar ist die öffentliche Baunachfrage schlechter gelaufen, als es die Konjunkturprogramme hätten erwarten lassen.

Als enttäuschend gilt die öffentliche Baunachfrage – trotz Baustellen allerorten: Die Auftragseingänge lagen im zweiten Quartal um 7,9 % unter dem Niveau des Vorjahresquartals. Auch die Umsätze blieben hinter den Erwartungen zurück: Die Bauunternehmen verzeichneten lediglich einen leichten Zuwachs von 1,5 %. Damit ergibt sich für das 1. Halbjahr im Öffentlichen Bau ein Auftrags- bzw. Umsatzminus von 1,5 % bzw. 3,2 %. Viele Städte und Gemeinden haben ihre Investitionspläne vor dem Hintergrund der angespannten kommunalen Finanzsituation zurückgenommen. Angesichts der weiterhin bestehenden Risiken im Wirtschaftsbau kommt der Rückzug der öffentlichen Auftraggeber für die Baubranche zu früh. Die Kommunen müssten ihre Investitionszurückhaltung aufgeben, werden das aber wegen der Finanzsituation nicht tun.

Erfreulich ist dagegen, dass der von der Wirtschaftskrise besonders getroffene Wirtschaftsbau in der gesamtwirtschaftlichen Erholungsphase schneller angesprungen ist als erwartet: Der Auftragseingang nahm im zweiten Quartal um nominal 7,8 % zu, damit im ersten Halbjahr gar um neun Prozent. Die Bauunternehmen profitierten dabei von der verbesserten Kapazitätsauslastung im Verarbeitenden Gewerbe. In der Produktion ist dieser Nachfrageimpuls aber noch nicht angekommen. Der Wirtschaftsbau ist also noch nicht „über dem Berg“. Dafür spricht auch, dass der Wert der Baugenehmigungen nichtöffentlicher Bauherren in den ersten sechs Monaten um 19,6 Prozent zurückgegangen ist.

Dagegen löst sich der Wohnungsbau langsam, aber sicher von der Talsohle: Im zweiten Quartal konnten die Unternehmen ein Auftragsplus von nominal 7,6 Prozent verbuchen. Der Erholungsprozess schlug sich bereits in den Umsätzen nieder, die um 5,1 % gestiegen sind.

Einzelhandel auf dem Weg der Besserung

Die gesamtwirtschaftliche Erholung, der Aufwärtstrend am Arbeitsmarkt und die stabile Verbraucherstimmung haben die Rahmenbedingungen für den Einzelhandel im Laufe der vergangenen Monate verbessert. Sie sind derzeit so gut wie seit Beginn der Wirtschaftskrise nicht mehr. Deshalb ist 2010 eine bessere Umsatzentwicklung als zu Jahresbeginn absehbar möglich Am Ende des Jahres könnte der Einzelhandel also einen guten Teil des Umsatzverlustes aus dem Vorjahr mit minus zwei Prozent wieder aufgeholt haben. Dies ist aber nicht viel mehr als eine Rückkehr zur Normalität. Die skeptische Stimmung hat jetzt deutlich nachgelassen. Gleichzeitig ist der Optimismus noch nicht so recht spürbar. Die Gewinnlage hat sich nach der sehr schlechten Entwicklung in den Jahren 2007 und 2008 für viele Händler verbessert. Mitentscheidend für die Fortsetzung des positiven Trends ist, dass es keine weiteren Konsum-Regulierungen gibt, auch nicht beim Ladenschluss. Das Chaos der kommunalen Ladenschluss-Lösungen verwirrt Konsumenten und Einzelhändler. Regelungen zum Ladenschluss sollten einheitlich sein und dem Lebensstil und den Erwartungen der Verbraucher gerecht werden. Das gilt besonders beim Weihnachtsgeschäft, das für den Einzelhandel sehr wichtig ist.

Landkreis Gießen ganz stark

Wie so häufig schneidet der Landkreis Gießen am besten ab. Die Wirtschaft des Landkreises kommt auf einen sehr guten Klimaindex von 122,3. Im Vergleich zur Umfrage im vergangenen Jahr bedeutet dies eine Steigerung um mehr als 40 Punkte. Damals rangierte der Kreis Gießen am Ende des IHK-Bezirkes. Erstmals seitdem die IHK die Klimaberechung auch auf Kreisebene vornimmt. Fast schon traditionsgemäß liegen die Giessener allerdings an der Spitze. Allerdings kaum mit dieser Deutlichkeit. Denn der Wetteraukreis folgt mit gehörigem Abstand und einem Klimaindex von 108,8 auf dem zweiten Rang. Die Unternehmen zwischen Butzbach und Bad Vilbel erreichen eine Steigerung des Klimawertes von 23,1 Punkten. Abgeschlagen mit eine Klimaindex von 96,8, gegenüber 85,7 im Vorjahr, folgt der Vogelsbergkreis auf dem dritten Rang. Das hervorragende Abschneiden des Kreises Gießen wird noch dadurch bestätigt, dass der aktuelle hessische Wert fast deckungsgleich bei 122,4 liegt. Üblicherweise liegt das hessische Ergebnis, meist um rund zehn Punkte, über dem besten Kreisergebnis des IHK-Bezirkes. Gießen hat demzufolge nicht nur mit Hessen gleichgezogen, sondern weist auch eine deutlichere Verbesserung gegenüber dem Vorjahr auf. Hier kommt Hessen lediglich auf eine Steigerung um 28,1 Punkte, der Landkreis Gießen dagegen verbessert sich um 42,7 Punkte.

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Verantwortlich für den Inhalt und Pressekontakt: Kurt Schmitt, Tel. 06031 / 609-1100 – K110

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