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PRESSE

087 / 10 - IHK-Empfang: Rede von IHK-Präsident Dr. Wolfgang Maaß

Ansprache von
Präsident Dr. Wolfgang Maaß
anlässlich des IHK-Jahresempfangs

am 31. Mai 2010
auf der Landesgartenschau in Bad Nauheim

Es gilt das gesprochene Wort!

Sehr geehrte Damen, sehr geehrte Herren,

ich begrüße Sie ganz herzlich zum Jahresempfang der IHK Gießen-Friedberg auf dem Gelände der 4. Hessischen Landesgartenschau in Bad Nauheim. Vielen Dank, sehr geehrter Herr Kind, für Ihre einleitenden Worte und die tatkräftige Unterstützung, die wir bei der Ausrichtung des Empfangs durch Sie und Ihr Team erhalten haben. Dem Bürgermeister von Bad Nauheim, Herrn Bernd Witzel, sage ich ein herzliches Dankeschön, dass wir in Ihrer blühenden Stadt zu Gast sein dürfen.

Sie wissen, dass wir– nicht zuletzt aus Kostengründen – den sonst zu Jahresbeginn üblichen Empfang in Gießen sowie den Sommerempfang in Wetterau oder Vogelsberg dieses Jahr zusammengelegt haben und sahen hierfür – nicht zuletzt wegen der Landesgartenschau – in Bad Nauheim den idealen Standort. So freue ich mich, dass unsere Einladung wieder eine so große Resonanz gefunden hat. Ich sehe sehr viele bekannte Gesichter. Repräsentanten der Wirtschaft, aber auch aus Politik, Verwaltung und Verbänden Mittelhessens und darüber hinaus sind heute hier. Sie alle zeigen damit Ihre besondere Verbundenheit mit der IHK und Ihr Interesse an dem heutigen Festvortrag. Es mir eine besondere Ehre, unseren heutigen Festredner, Professor Dr. Dr. Friedrich Grimminger, Direktor der medizinischen Kliniken 4 und 5 des Universitätsklinikums Gießen und Marburg GmbH, zu begrüßen. Herzlich Willkommen, sehr geehrter Herr Professor Grimminger!

Zu Beginn hörten Sie Frank Füglein und Michael Hofmann, die seit dem Jahr 2006 gemeinsam als "The Tenders" auf der Bühne ihre große Leidenschaft – Swing und Evergreens – leben. Zuvor waren beide langjährig als Solisten erfolgreich und zeigten ihr Können in vielen bekannten Shows des Deutschen Fernsehens. "The Tenders" bieten ihre Musik mittlerweile auf nationalen und internationalen Bühnen dar. Freuen Sie sich also mit mir auf eine weitere mitreißende Zeitreise in die Welt des Swing und der Evergreens am Ende des offiziellen Teils!

Meine sehr geehrten Damen und Herren, zurück vom Evergreen, dem „Immergrünen“ zum „immer Blühenden“ – zumindest bis zum 3. Oktober diesen Jahres, bis die Hessische Landesgartenschau ihre Pforten schließt. Auf cirka 38 ha Fläche – das entspricht etwa der Fläche von 53 Fußballfeldern – konnten und können Sie auf der Landesgartenschau 163 Tage lang Gartenkunst und Gartenkultur „Schauen – Erleben – Mitmachen“. Die Stadt Bad Nauheim hat 8,4 Millionen Euro in die Gestaltung des Areals investiert. Das Land Hessen gab einen Zuschuss in Höhe von 3,3 Millionen Euro. Dazu wurden 20 Millionen Euro in die Verbesserung der Infrastruktur investiert. Viele, viele fleißige Hände setzten rund 300.000 Blumenzwiebeln und über 1.000 Gehölze, sanierten 12.000 Quadratmeter Kurparkwege, legten im Goldsteinpark 2 ha. neu an, vitalisierten 9 ha. Wiesenfläche und säten 5 ha. neu ein. Unser Glückwunsch gilt allen Planern, Ausführenden und den gärtnerischen Ausstellern, die diese herrliche Kulisse für unseren diesjährigen Empfang gestaltet haben. Danken möchte ich auch all denjenigen, die als Sponsoren die tollen Kunstwerke ermöglicht haben, die wir hier bestaunen können.

Die Veranstalter der Landesgartenschau in Bad Nauheim rechnen mit bis zu 500.000 Besuchern – rund 1000 steuern wir heute bei. Wenn die Prognose eintritt, wäre das ein spürbarer und nachhaltig positiver Effekt für die heimische Wirtschaft. Die IHK hat schon im Vorfeld dieses Großereignisses die Unternehmensvertreter in der Region und die Veranstalter der Landesgartenschau vernetzt. Die Leitidee war: „Wie kann die regionale Wirtschaft von der Landesgartenschau profitieren?“ Mit den Wirtschaftsverbänden der Stadt gab es dazu einen „Runden Tisch“, der dem Austausch untereinander, aber auch als Diskussionsplattform mit der Landesgartenschau-Gesellschaft diente. Unternehmer aus Orten, in denen bereits früher Landesgartenschauen stattgefunden haben, berichteten hiesigen Unternehmern, wie sie von der Landesgartenschau profitiert haben.

Gartenschauen setzen ja nicht nur wichtige Impulse für die Stadtentwicklung. Durch die beiden Parkflächen hier in Bad Nauheim – Kurpark und Goldsteinpark – werden die Besucher über eine verbindende Achse quer durch die Stadt gelenkt. Hier soll ein nachhaltiger Eindruck von der Schönheit dieser Stadt entstehen. Der Gast soll wiederkommen, und davon werden langfristig auch Gastronomie und Einzelhandel profitieren. Der Verein Wirtschaft für Bad Nauheim e.V. hat zusammen mit der Stadt den Themengarten „Welcome to Bad Nauheim/Friedberg“ auf der Landesgartenschau gestaltet. Ziel ist es, die touristischen, medizinischen und sportlichen Aktivitäten der Region bekannter zu machen. Immerhin bewirbt sich Bad Nauheim als Gastgeber für eine Nationalmannschaft während der Frauenfußballweltmeisterschaft 2011 in Deutschland. Vorher erwartet uns in diesem Jahr ja aber erstmal noch die Fußballweltmeisterschaft der Männer in Südafrika. Und, um beim Fußball zu bleiben, sage ich in Anlehnung an Sepp Herberger: „Nach der Landesgartenschau ist vor der Landesgartenschau“. Ich kann Ihnen nämlich heute schon die nächste Landesgartenschau in unserem IHK-Bezirk ankündigen: 2014 werden Sie das Blütenmeer in
Gießen erleben können. Eine Arbeitsgruppe des IHK-Regionalausschusses Gießen bereitet bereits den Boden für das Großereignis. Und unser Ehrenmitglied Wilfried Behrens ist mit großem Engagement als Vorsitzender des Fördervereines dabei.

Meine Damen, meine Herren, wir leben in wirtschaftlich bewegte Zeiten. Ist die Krise schon vorüber, oder stecken wir noch mitten drin? Steht die nächste Krise vor der Tür? Die Unternehmen haben die Rezession heftig zu spüren bekommen. Die Folgen waren zwar durchaus unterschiedlich – je nach Branche, Unternehmensgröße und Region. Aber die Auswirkungen sind für uns alle sichtbar; die Umwälzungen hinterlassen deutliche Spuren. Für viele Firmen sind ganze Märkte weggebrochen. Kunden sind von heute auf morgen abgesprungen.

Inzwischen erholt sich die Wirtschaft langsam. Die aktuelle IHK-Konjunkturumfrage zeigt, dass unsere Unternehmen gerade wieder über die Zufriedenheitsschwelle treten. Vor einem Jahr war der Stimmungstiefpunkt erreicht. Noch ist jedoch offen, wie die täglichen Diskussionen um den EU-Partner Griechenland, die zunehmenden Unsicherheiten um den Euro und die Konsolidierungspolitik der öffentlichen Haushalte auf die Stimmung unserer Betriebe schlagen. Horrende Staatsverschuldungen, nicht nur in Hellas, Italien, Portugal oder Spanien, und Inflationsgefahren, diese zweite Mega-Krise hat es in sich.

Die Politik sollte aufhören, auf „Spekulanten“ zu schimpfen – das könnte auf sie selbst zurückfallen. Denn wer hat in der Vergangenheit gigantische Defizite aufgebaut und darauf spekuliert, dass dies folgenlos bleibt? Wer hat über die eigenen Defizite die Unwahrheit verbreitet oder sich bewusst täuschen lassen und dann darauf spekuliert, dass dies keine Verwerfungen im Euro-Währungsraum verursacht? Und wer spekuliert darauf, dass das Heraushauen von Ländern mit hohen Staatsdefiziten von den Devisenmärkten möglichst ungesühnt bleibt? Und inwieweit wären diese Personen bereit, mit ihrem eigenen Geld auf die Position zu setzen, die sie nach
außen hin vertreten?

Aber ein kleiner Trost bleibt: ein schwacher Euro sorgt für einige Erleichterung im Export. Das zeigen die jüngsten Zahlen über gestiegene Ausfuhren und Produktionszahlen. Nur, werden die auch zum Sparen gezwungenen Bestimmungsländer ihre Nachfrage so ausweiten, dass unsere Exporteure profitieren, oder greift auch in den europäischen Hauptabnehmerländern depressive Krisenstimmung um sich? Überdies werden wir uns sicher wieder mit langfristig steigenden Spritpreisen auseinandersetzen müssen.

Was also ist vonnöten, damit neben Gärten auch die Wirtschaft wieder aufblüht? Ausgangspunkt für Wachstum und eine gute Ernte ist ein ertragreicher Boden. Die Wetterau ist übrigens – wegen des hohen Lössanteils – eine der fruchtbarsten Landschaften Deutschlands, die intensiv landwirtschaftlich genutzt wird. Man spricht in Fachkreisen scherzhaft auch von den „Schokoladenböden der Wetterau“. Doch ein guter Boden allein, meine Damen und Herren, ist noch kein Garant für einen hohen Ertrag. Um Erfolge zu ernten, braucht es weit mehr:

Bevor die Aussaat erfolgt, müssen die Voraussetzungen für Wachstum geschaffen werden. Die politischen Rahmenbedingungen müssen stimmen, um blühende Volkswirtschaften hervorzubringen, um Ihnen, den Unternehmern eine solide Grundlage zu schaffen, auf der Sie gut wirtschaften können. Einige von Ihnen wissen, dass wir, die IHK Gießen-Friedberg, innerhalb der Arbeitsgemeinschaft hessischer IHKs, kurz ARGE genannt, die Federführung Steuern inne haben. Zu Beginn diesen Jahres haben wir der Hessischen Landesregierung steuerpolitische Positionen vorgelegt. Darin sind Vorschläge für ein wettbewerbsfähiges Steuerrecht formuliert. Wir wissen, dass angesichts der desaströsen Finanzlage der öffentlichen Haushalte umfangreiche Steuersenkungen nicht durchsetzbar sind. Wir fordern aber von der Politik eine grundlegende Neuordnung des Steuerrechts im Sinne von Einfachheit und Nachvollziehbarkeit.

Ein Vorschlag dazu ist der Abbau von Ausnahme- und Subventionstatbeständen. Damit lassen sich einerseits unsinnige Steuergestaltungen verhindern und andererseits finanzielle Spielräume schaffen, die eine allgemeine Tarifsenkung auch vor 2013 finanzierbar machen. Entscheidend ist doch, Deutschland als attraktiven Anlage- und Produktionsstandort weiter zu entwickeln und krisenfest zu machen. Nur so lassen sich auch künftig Arbeits- und Ausbildungsplätze sichern. Ein weiterer Vorschlag lautet, die Zinsschranke und die gewerbesteuerlichen Hinzurechnungen abzuschaffen bzw. zumindest auszusetzen, um Unternehmen in der Krise zu entlasten.

Darüber hinaus fordern wir eine grundlegende Überarbeitung des Umsatzsteuersystems. Ich bleibe dabei: Die Absenkung des Mehrwertsteuersatzes für Hoteldienstleistungen ist ordnungspolitisch äußerst bedenklich. Es ist keine Lösung, einzelne Branchen zu begünstigen und damit weitere Ausnahmen vom Regelsteuersatz einzuführen. Das zeigt den Zustand des deutschen Steuerrechts: Eine Ausnahme führt zur nächsten, und am Ende fühlen sich doch alle benachteiligt. Hotelübernachtungen werden nun mit 7 Prozent Umsatzsteuer abgerechnet, Frühstück und Minibar im Hotel mit 19 Prozent. Umsätze mit dem Schuhputzautomaten oder mit Schuhputzzeug sind mit 7 Prozent belastet, das Putzen der Schuhe als Dienstleistung im Hotel jedoch mit 19 Prozent. Solche Kuriositäten sind überall im Umsatzsteuerrecht zu finden und tragen dazu bei, dass das deutsche Steuerrecht noch unübersichtlicher und unverständlicher wird. Nutzen Sie die Steuerinfos Ihrer IHK. Gehen Sie gleich morgen auf die Homepage, und laden Sie sich die Informationen zur Orientierung im Steuerdschungel herunter! Die Adresse steht übrigens vorne auf der Gästeliste.

Eine weitere Grundlage für gedeihliches Wirtschaften ist ein klarer Ordnungsrahmen für den Finanzmarkt. Der Staat hat die Aufgabe, die Regeln der Marktprozesse, die zur Finanzkrise geführt haben, zu überprüfen. Ein Großteil der Finanzkrise wurde durch falsche Ratings ausgelöst, das heißt eine unechte Beurteilung der wirtschaftliche Lage und Zahlungsfähigkeit eines Unternehmens – oder aktuell auch von Staaten. Reihenweise wurden Unternehmen schlechtester Bonität mit dem höchsten Gütesiegel bewertet. Ratingagenturen definieren nicht nur den Standard für die Kreditwürdigkeit eines Unternehmens, sondern sie überprüfen auch die Einhaltung dieses Standards. Das bedeutet, dass das Setzen von Regeln und das Überprüfen dieser Regeln in einer Hand liegen. Das wäre so, als ob der Schiedsrichter gleichzeitig Mitspieler wäre. Wenn es weiterhin private Ratingagenturen geben soll, müssen formalisierte Zulassungsverfahren und Qualitätsstandards eingeführt werden. Gelingt das nicht, müssten die Ratingagenturen unabhängigen Institutionen zugeordnet werden – z.B. dem Internationalen Währungsfonds oder den Zentralbanken. Doch was ist passiert? Nichts! Die Staaten agieren bezüglich der Ratingagenturen, als ob es die Finanzkrise nie gegeben hätte und legen damit schon den Grundstein für die nächste Krise. Das Denken in kurzfristigen Erfolgskategorien hat immer noch die Oberhand.

Meine Damen, meine Herren, um schon bei der Aussaat die Grundlage für einen hohen Ertrag zu legen, muss zudem auf die Qualität des Saatgutes geachtet werden. Die Ausbildung und Qualifikation von Mitarbeitern steht daher ganz oben auf der Agenda der IHK Gießen-Friedberg. Denn Unternehmen, die heute aus- und weiterbilden, haben morgen die Nase vorn. Die demographische Trendwende schlägt auf den Arbeitsmarkt durch. Dass wie erwartet nicht die Ausbildungsstellen, sondern die Bewerber knapp sind, bestätigt eine aktuelle Umfrage des Deutschen Industrie- und Handelskammertages unter 15.000 Unternehmen. Während Jugendliche trotz der nach wie vor schwierigen wirtschaftlichen Situation gute Chancen auf einen Ausbildungsplatz haben, wird es für Unternehmen zunehmend schwieriger, geeigneten Fachkräftenachwuchs zu generieren. Das liegt auch an der mangelnden Ausbildungsreife vieler Schulabgänger, das heißt unzureichende schulische Qualifikationen sowie mangelnde persönliche Kompetenz. Immer mehr Unternehmen organisieren daher mittlerweile selbst Nachhilfe für ihre Auszubildenden. Selbst im Krisenjahr 2009 konnte bereits jeder fünfte Betrieb – die Zahl gilt sowohl bundesweit als auch für unseren IHK-Bezirk – nicht alle Ausbildungsplätze besetzen. Infolgedessen schätzt der Deutsche Industrie- und Handelskammertag ein Minus von fünf Prozent bei den neuen IHK-Ausbildungsverträgen als realistisch ein. Der Umfrage zufolge bleibt bei drei von vier Unternehmen das Ausbildungsplatzangebot stabil. Im IHK-Bezirk Gießen-Friedberg wollen 74 Prozent der Ausbildungsbetriebe ihr Ausbildungsangebot aufrechterhalten, zehn Prozent sind sogar entschlossen, mehr auszubilden. Das betrifft vor allem Betriebe mit zehn bis 199 Beschäftigten.

Auch wenn sich die Auswirkungen der Krise abschwächen und sich der Mittelstand als stabile Stütze der Ausbildung erweist, muss es unser gemeinsames Ziel bleiben, den Ausbildungspakt weiterzuentwickeln. Mehr Jugendliche als bisher müssen in die Lage versetzt werden, nicht nur eine betriebliche Ausbildung aufzunehmen, sondern diese auch erfolgreich abzuschließen. Jeder Jugendliche, der will und kann, soll ein Ausbildungsangebot erhalten – das muss auch zentrales Thema des Ausbildungspakts bleiben! Um jungen Menschen die Vielfältigkeit der dualen Ausbildung und deren Anforderungen deutlich zu machen, und gleichzeitig Unternehmen zum Ausbilden zu animieren, veranstaltet die IHK Gießen-Friedberg unter anderem jährlich Ausbildungsmessen. Ich nenne hier beispielhaft den „Berufswegekompass“, den wir am 29. September in der Stadthalle in Friedberg durchführen werden.

Meine Damen, meine Herren, es kann nur nachhaltig aufwärts gehen, wenn wir es schaffen, dass Unternehmen investieren und damit der Wirtschaftskreislauf in Schwung kommt. Verschiedene Faktoren fördern das Wachstum. Ein Teil der Basisdüngung sozusagen ist eine funktionierende Finanzierung und Kreditversorgung. Dafür machen wir uns weiterhin stark. Eher ein Instrument der Erhaltungsdüngung ist beispielsweise der „Runde Tisch“ der IHK Gießen-Friedberg. Beim „Runden Tisch“ wird dem Unternehmen ein von der Kreditanstalt für Wiederaufbau, der KfW, bezahlter Unternehmensberater zur Seite gestellt. Die IHK vermittelt und organisiert den Ablauf. Durch die Wirtschafts- und Finanzkrise haben die Beratungsfälle erheblich zugenommen. Im Vergleich zum Jahr 2007 haben sich die vermittelten Beratertagewerke von 143 im Jahr 2007 auf 281 im Jahr 2009 fast verdoppelt. Erfreulich ist, dass 53 der 57 Unternehmen, die im vergangenen Jahr mit dem „Runden Tisch“ betreut wurden, ihren Betrieb fortführen konnten; das betrifft über 220 Arbeitsplätze in unserem IHK-Bezirk!

Um Durststrecken zu überstehen, braucht es aber manchmal auch einfach Durchhaltevermögen. Das zeigen Sie, die hessischen Unternehmen, die auf den Auslandsmärkten die Stellung halten. Ein Ergebnis der jährlich stattfindenden IHK-Umfrage „Going International“ bei der im Jahr 2009 über 250 Unternehmen aus Hessen befragt wurden, lautet: Die breite internationale Aufstellung hat gerade in der Krisenzeit zu mehr Stabilität geführt. Die große Mehrheit bestätigt uns darin, dass die positiven Auswirkungen des Auslandsengagements eine der wichtigsten Kerngrößen der Betriebe sind.

Veränderungen und Umbrüche sind ein Neubeginn und bieten auch Chancen. Es kommt darauf an, dass wir sie erkennen und nutzen. Lassen Sie uns die Zukunft mit Kraft und Zuversicht gestalten. Das ist genau das, was wir jetzt brauchen. Die IHK Gießen-Friedberg engagiert sich stark darin, Unternehmer gezielt in ihrem internationalen Engagement zu fördern und zu unterstützen. Als Federführer des IHK Verbundes Mittelhessen wollen wir einen breiten Nährboden für die Erschließung und Etablierung von Auslandsmärkten bieten. Jedes dritte Unternehmen aus Hessen generiert 20 Prozent seines Gesamtumsatzes im Auslandsgeschäft. Hier setzen wir an: im Juni laden wir Experten aus Skandinavien ein, um brachenspezifisch zu beraten und zu informieren. Im September haben wir das Thema Gesundheitswirtschaft in Russland auf unsere Agenda gesetzt. Im Oktober widmen wir uns zusammen mit der Handwerkskammer dem internationalen Potential der Branchen Energieeffizienz und Erneuerbare Energien. Diese Branchen gehören zu denen mit einem hohen Innova­tionspotential und leisten darüber hinaus einen Beitrag zum Klimaschutz. Fachleute werden Sie über die rechtlichen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen aufklären. Zudem bieten wir hessenweit unter dem Titel „Hessen meets“ eine Fülle von Veranstaltungen zu Finanzierungsfragen, interkulturellen Seminaren und rechtlichen Rahmenbedingungen, um Ihre Kompetenzen zu stärken und Sie noch wettbewerbsfähiger zu machen.

Innovationen und neue Technologien sind wichtige Faktoren für den Erfolg und geben Wachstumsschübe. Der Technologieausschuss der IHK Gießen-Friedberg hat in diesem Jahr daher das Thema Elektromobilität als Schwerpunkt gewählt. Elektromobilität ist ein Feld, in dem Deutschland die Weltführerschaft übernehmen könnte. Dies prognostiziert unter anderem Henning Kagermann, Präsident der Deutschen Akademie der Technikwissenschaften. In Deutschland selbst sind elektrogetriebene Fahrzeuge ein Markt mit einem Wachstum von knapp 12 Prozent im Jahr 2009. Für 2010 sagt der Verband der Automobilhersteller ein weitaus höheres Wachstum vorher.

Die Achillesferse bei der Elektromobilität ist die Batterie. Sie macht heute rund 40 Prozent der Herstellungskosten eines Elektroautos aus, hat dabei eine zu kurze Lebenszeit und eine zu geringe Speicherkapazität. Um dem Elektroauto eine Reichweite eines Fahrzeugs mit Verbrennungsmotor zu geben, müssten die Batterien doppelt so viel Energie speichern können wie heute möglich. Wer also bei den Akkus die Nase vorn hat, wird im Elektromobilbau auf dem Siegertreppchen stehen. Die Voraussetzungen für deutsche Unternehmen sind dabei noch nicht gut: Während Japan und China bereits Milliarden in die Akkuforschung gesteckt haben, laufen in Deutschland entsprechende Programme erst an. Nun soll die Aufholjagd beginnen. Das Spitzengespräch im Bundeskanzleramt am 3. Mai mündete in die "Nationale Plattform Elektromobilität". Ihr ehrgeiziges Ziel: im Jahr 2020 sollen eine Million Elektrofahrzeuge auf deutschen Straßen unterwegs sein. Die Europäische Kommission stellt sich vor, dass im Jahr 2030 rund 20 Prozent aller verkauften Neuwagen mit Elektromotoren betrieben werden. Dabei betont die Kommission, dass der nachhaltige Klimaschutz nur dann erreicht werde, wenn der benötigte Strom aus regenerativen Quellen stamme.

Deutsche Unternehmen und Hochschulen haben das Zeug dazu, die internationale Konkurrenz zu überholen. Voraussetzung dafür ist allerdings eine gut koordinierte Forschung und Entwicklung. Zu diesem Ergebnis kommt eine Untersuchung der Deutschen Akademie der Technikwissenschaften in Kooperation mit den relevanten Forschungseinrichtungen und Industriezweigen. Die öffentlichen Investitionen dürfen sich dabei nicht nur auf Forschung und Entwicklung beschränken. Angesichts der angespannten konjunkturellen Situation fehlt den kleinen und mittleren Unternehmen das notwendige Kapital zur Erweiterung und Neuausrichtung ihrer Geschäfte. Investitionshemmende Faktoren werden dann zu innovationshemmenden Faktoren.

Mittelhessen hat das Potential, auch bei der Elektromobilität in den vorderen Reihen dabei zu sein. Viele Unternehmen sind im Automotivebereich tätig, sei es in der Metall- und Kunststoffverarbeitung, in der Elektronik oder der Mikrosystemtechnik bis hin zum Automobilhandel. Eine Arbeitsgruppe der Justus-Liebig-Universität Gießen forscht an der Optimierung der Lithiumionen-Technologie und an neuen Energiespeichern. Diese Arbeitsgruppe unter Leitung von Professor Dr. Jürgen Janek wird den Technologieausschuss der IHK in diesem Jahr begleiten und steht für gemeinsame Forschung und Entwicklung offen. Wir, die IHK Gießen-Friedberg, wollen Unternehmer und Hochschulvertreter für einen Arbeitskreis „Elektromobilität“ gewinnen.

Unterschiedliche Standortansprüche verursachen aber auch Konkurrenz und hemmen das Wachstum einzelner Arten. Ich habe ja eingangs erwähnt, dass in der Vorbereitung auf die Landesgartenschau in Bad Nauheim viele Millionen Euro in Baumaßnahmen investiert wurden. Ohne die Landesgartenschau wären die Baumaßnahmen sicher nicht so schnell zu realisieren gewesen. Aber Baumaßnahmen verursachen auch Reibungsverluste bei allen Beteiligten und Betroffenen. Für die Unternehmen bedeutet das während der Bauphase häufig, dass weniger Kunden kommen und Umsatzverluste bis hin zur Existenzbedrohung zu verkraften sind. Damit künftig Planer, Verantwortliche der Kommunen und Unternehmen Anhaltspunkte für ein gutes Miteinander, insbesondere bei verkehrlichen Baumaßnahmen haben, stellt die IHK dazu gerade einen Leitfaden für Praktiker zusammen. An Beispielen konkreter Baumaßnahmen aus unserer Region wird erläutert, wie durch intensive Gespräche und gute Zusammenarbeit der Beteiligten das Konfliktpotential reduziert werden kann, so dass am Ende alle profitieren. Der Leitfaden zum Baustellenmanagement soll noch im September in einer größeren Pressekonferenz veröffentlicht werden.

Es gibt aber auch Arten mit gleichen Standortansprüchen und Interessen, die sich gegenseitig im Wachstum begünstigen. „Idee trifft Strategie“: unter diesem Motto vernetzt das Clustermanagement „Technologie & Innovation Medizinregion Mittelhessen“ – kurz „timm“ – Unternehmen und Wissenschaftler der Medizinwirtschaft in Mittelhessen. Unter Federführung des Regionalmanagement-Vereins „MitteHessen e.V.“ haben Kommunen, Landkreise und Unternehmen der Region mit „timm“ eine Einrichtung ins Leben gerufen, die Forschungseinrichtungen und Kliniken mit zahlreichen mittelhessischen Unternehmen aus der Medizinwirtschaft zusammenführt. Neben Konzernen wie Novartis Behring, CSL Behring, Siemens Healthcare Diagnostics Products und Fresenius Kabi AG sind es vor allem kleine und mittelständische Firmen, die innovative Produkte in der Medizintechnik, Biotechnologie und in der Pharmazie entwickeln und vertreiben. So fruchtbar die Zusammenarbeit bislang auch verlaufen ist – gerade im Gesundheitswesen sind durchaus noch weiter gefasste Kooperationen denkbar und wünschenswert. Das sieht unser heutiger Festredner, Professor Grimminger, sicher genauso. Zukunftsstrategien und Vernetzung – auf diesen beiden wichtigen Feldern bereitet das Team von MitteHessen e.V. also intensiv den Boden und erleichtert der heimischen Wirtschaft damit ein gedeihliches Wachstum.

Passend zum Ort unseres Empfangs sind die neuesten Aktivitäten der Wirtschaftsförderung Wetterau GmbH, die viele von Ihnen als wfg kennen. „Natürlich Wetterau – hier wächst alles“, mit diesem Slogan soll die Brücke zwischen der „goldenen Wetterau“ – die schon seit Jahrtausenden als fruchtbar, erholsam und ursprünglich gilt – und den Standortvorteilen für unternehmerisches Wachstum geschlagen werden. Mit einer neuen Vermarktungsstrategie werden der Bekanntheitsgrad der gesamten Region Wetterau gesteigert und die gewerblichen Standort- und Wachstumsvorteile nachhaltig in den Köpfen verankert. Konzertierte und langfristige Marketingaktivitäten beeinflussen die Standortentscheidungen von Unternehmen und Investoren positiv. Die wfg präsentiert Besuchern während der gesamten Landesgartenschau rund 90 Unternehmen aus dem Wetteraukreis – dort hinten in dem blauen Pavillon des Wetteraukreises, den Sie vielleicht auf dem Weg hierher gesehen haben.

Meine Damen, meine Herren, Sie sehen, es braucht eine ganze Menge günstiger Einflüsse und gemeinsamer Anstrengungen, damit sich die Wirtschaft in ihrer ganzen Pracht entfalten und wachsen kann. Welche Faktoren in der Gesundheitspolitik in den nächsten Jahren nötig sein werden, dazu berichten Sie uns sicher gleich mehr, sehr geehrter Herr Professor Grimminger. Erlauben Sie mit jedoch vorab noch, dass ich Sie unseren Gästen kurz vorstelle:

Sie sind 1958 in Frankfurt geboren. Bereits während Ihres in Gießen begonnenen Studiums der Humanmedizin, Biologie und Chemie haben Sie Auslandssemester an den britischen Universitäten Newcastle und Edinburgh absolviert. Ihren Promotionen in den Fachbereichen Humanmedizin im Jahr 1989 und Biologie im Jahr 1990 folgte nach nur zwei Jahren die Habilitation im Fachbereich Humanmedizin an der Justus-Liebig-Universität Gießen. Seit 2003 sind Sie Direktor der medizinischen Kliniken 4 und 5 des – inzwischen privatisierten – Universitätsklinikums Gießen und Marburg GmbH. Sie haben eine Ehrenprofessur der Universität von Kent in Canterbury in Großbritannien inne und sind Honorarprofessor an der Universität von Texas. Seit 2009 sind Sie Initiator und im Vorstand des University of Giessen and Marburg Lung Center. Darüber hinaus wurden Sie in den Senat- und Bewilligungsausschuss der Deutschen Forschungsgemeinschaft gewählt und sind Koordinator des institutionsübergreifenden Lungenzentrums Mittelhessen – dazu gehören das Universitätsklinikum Gießen und Marburg GmbH, die Kerckhoff-Klinik und die Lungenfachklinik Waldhof-Elgershausen.

Während Ihrer Lehrtätigkeit in Texas lernten Sie das US-amerikanische Gesundheitssystem kennen. Als einen Vorzug dieses Systems haben Sie die ausgeprägte Vernetzung von Krankenhäusern untereinander und von Krankenhäusern mit Arztpraxen schätzen gelernt. In dieser horizontalen und vertikalen Vernetzung sehen Sie eine wichtige Antwort auf die Anforderungen, die der aktuelle drastische Umbau des deutschen Gesundheitssystems an alle daran Beteiligten stellt. In Ihren Funktionen als Direktor der medizinischen Kliniken 4 und 5 des Universitätsklinikums Gießen und Marburg GmbH, Direktor der Abteilung Pneumologie und Onkologie an der Kerckhoff-Klinik Bad Nauheim und Ärztlicher Direktor des Gesundheitszentrums Wetterau leben Sie diese Vernetzung vor.

Durch die Eliteinitiative des Bundes und der Länder und die Gründung des Exzellenzclusters Cardiopulmonales System Gießen und Bad Nauheim ist unter Ihrer Leitung eine der größten wissenschaftlichen Forschergruppen mit über 120 internationalen Forschern zum Thema Lunge entstanden. Forschung findet dabei auch außerhalb von Hightech-Labors statt. So leiteten Sie mehrere wissenschaftliche Expeditionen, etwa auch zum Himalaya in Nepal, Tibet und Pakistan, und haben dabei unter anderem selbst den Mount Everest bestiegen.

Sehr geehrter Herr Professor Grimminger, wir sind schon sehr gespannt auf Ihre Ausführungen.

IHK-Pressemeldung Nr. 87, 27.886 Zeichen, 404 Zeilen
Verantwortlich für den Inhalt: Ulrike Schweikart, Tel. 0641 / 7954-1005
Pressestelle: Kurt Schmitt, Tel. 06031 / 609-1100

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