IHK Gießen-Friedberg

Unverändert gut

Industrie weiter verbessert, Einzelhandel tritt auf der Stelle, Bau verschlechtert – Unterschiedliche Entwicklung in den Kreisen

(Gießen-Friedberg, 22.01.2011) –Die konjunkturelle Situation ist heute weitaus besser als vor einem Jahr. Sie bewegt sich auf dem gleich guten Niveau wie in der Herbstumfrage. Eine weitere Verbesserung gegenüber der vergangenen Umfrage gab es in weiten Teilen der Industrie. Der industrielle Bereich profitiert ganz deutlich von Exporterfolgen, insbesondere Ausfuhren nach China und weiteren asiatischen Schwellenländern geben das Tempo vor. Einzig die Unternehmen der Ge- und Verbrauchsgüter weisen einen negativen Stimmensaldo auf und haben sich im Vergleich zur Vorjahresumfrage verschlechtert. Die Kapazitäten in der Industrie sind wieder ordentlich ausgelastet.

Im Baugewerbe hat sich die Stimmung rasant nach unten bewegt. Der harte Winter, aber vor allem die jetzt ausgelaufenen Konjunkturprogramme von Bund und Ländern sind für diese negative Entwicklung verantwortlich. Der Einzelhandel hat sich im Vergleich zum Vorjahr ebenfalls erheblich verbessert, tritt allerdings im Vergleich zur Herbstumfrage auf der Stelle. Auch im Dienstleistungsgewerbe ist eine klare Verbesserung gegenüber dem Vorjahr zu attestieren. Allerdings hat sich das Klima gegenüber dem Herbst bereits wieder eingetrübt. Ein Blick auf die weiter Entwicklung im Bereich der Beschäftigung zeigt, dass keine außerordentlichen Veränderungen zu erwarten sind: Weder wird fühlbar eingestellt, noch ist vorgesehen, Personal abzubauen. Auffällig hierbei ist: Immerhin will jedes dritte Unternehmen aus dem Investitionsgütersektor neue Beschäftigte einstellen.

036 / 11 - Konju-Grafik

Bei der Einschätzung der aktuellen Lage sind 35,5 Prozent der Betriebe zufrieden. Im vergangenen Jahr zeigte sich nur jeder vierte Betrieb klaglos. Dagegen sind aktuell 15,7 Prozent aller Unternehmen unzufrieden. Dies waren im vergangenen Jahr 27,5 Prozent aller Betriebe. Damit werden sowohl bei der gegenwärtigen Geschäftslage, als auch, wenn auch deutlich weniger, bei der Einschätzung zur künftigen Geschäftslage positive Salden erzielt. Beide Male war dies im vergangenen Jahr mit negativen Vorzeichen versehen. Allerdings scheint bereits ein neuer Wendepunkt erreicht: Denn der positive Saldo stagniert im Vergleich zur Herbstumfrage bei der gegenwärtigen Lage. Bei der Einschätzung zur künftigen Lage hat sich der positive Saldo sogar leicht zurück entwickelt. Ob dies eine leichte Verschnaufpause nach der furiosen Aufholjagd ist oder aber tatsächlich der konjunkturelle Wendepunkt bzw. sogar der Beginn eines Abschwungs, wird sich im Verlaufe des Jahres zeigen. Die veröffentlichten Prognosen gehen eher von einer Verschnaufpause ein.

Mit all diesen Werten wird heute ein Klimaindex von 112,3 ermittelt. Dieser Wert lag im vergangenen Jahr bei 91,8 und im Herbst 2010 bei 113,3. Der Klimaindex ist ein Durchschnittswert aus den Antworten zur Gegenwart und zur Zukunft. Er kann zwischen 200 als bestem Wert und Null als schlechtestem Wert liegen.

Die Konjunkturumfrage der IHK Gießen-Friedberg fand von Anfang Dezember 2010 bis Mitte Januar 2011 statt. Befragt wurden gut 1.100 Mitgliedsbetriebe aus den Landkreisen Gießen, Vogelsberg und Wetterau.

Der konjunkturelle Verlauf des Jahres 2010 war erfreulich. Nach dem rasanten Absturz im Jahre 2009 mit einem Rückgang der Bruttoinlandsproduktes um 4,7 Prozent, wuchs die deutsche Wirtschaft im vergangenen Jahr um erstaunliche 3,6 Prozent. Nach dem dramatischsten Rückgang seit Bestehen der Bundesrepublik Deutschland im Jahre 2009, wurde damit die größte Steigerung seit der Wiedervereinigung erzielt. Für das laufende Jahr geht die Bundesregierung von einer Wachstumsrate von 2,3 Prozent aus; für 2012 wird ein Plus von 1,8 Prozent erwartet. Im Verlaufe des Jahres 2011 soll überdies, so die Prognosen, das Vorkrisenniveau wieder erreicht werden. Nachdem Deutschland im vergangenen Jahrzehnt mit Beschreibungen wie „der kranke Mann Europas“ zu leben hatte, wird nunmehr davon gesprochen, Deutschland sei die europäische Konjunkturlokomotive. Zum Vergleich: Die Wachstumsrate im Euro-Raum lag bei 1,7 Prozent, in den USA bei 2,8 Prozent und in China bei elf Prozent.

Kraftvoller Export, starke Inlandsnachfrage

Die neu gewonnene Kraft geht sowohl auf ein wieder erstarktes Exportgeschäft, aber auch auf eine steigende Nachfrage im Inland zurück. Insgesamt entwickelte sich der Export im Jahre 2009 um 14,3 Prozent zurück. Mit fast genau der gleichen Rate kam das Auslandsgeschäft im vergangenen Jahr zurück: Die Exporte stiegen im Jahre 2010 um 14,2 Prozent. Überdies legte der staatliche und private Konsum um 0,9 Prozent zu und die Investitionen wuchsen um 10,7 Prozent. Für das laufende Jahr wird mit einer neuerlichen Steigerung des Exportes um 6,5 Prozent gerechnet.

Anteile verschieben sich

Das Exportgeschäft profitiert weiterhin von der allgemeinen wirtschaftlichen Erholung weltweit. Bemerkenswert ist, wie stark sich die relative Bedeutung der Absatzmärkte in den letzten Jahren verschoben hat. Die stärkste Dynamik kommt aus den asiatischen Boomländern und dabei vor allem aus China. Während vor zwei Jahren die gesamten Export nach China nur halb so groß waren wie die Ausfuhren in die Vereinigten Staaten, erreicht China mittlerweile einen Exportanteil von sechs Prozent, während der in die USA auf sieben Prozent zusammengeschmolzen ist. Seit dem Jahre 2007 haben sich die deutschen Ausfuhren nach China um 80 Prozent erhöhtDie meisten Exporte gehen mit rund 40 Prozent nach wie vor in den Euro-Raum, wobei der traditionell größte Handelspartner, Frankreich, mit neun Prozent an der Spitze liegt. Die exportstärkste deutsche Branche ist die Elektroindustrie. In einigem Abstand folgen der Maschinenbau, die Chemie und die Automobilindustrie.

Globale Risiken

Zum einen ist die Weltwirtschaft der Taktgeber für den Aufschwung. Andererseits kommen aus der globalen Entwicklung auch die identifizierbaren Risiken. So ist zu erwarten, dass das weltwirtschaftliche Wachstum 2011 etwas an Fahrt verliert. Gerade die Konsolidierungsprozesse in den Vereinigten Staaten und in Japan, aber auch die europäische Schuldenkrise und neue protektionistische Maßnahmen mancher Länder, die ihren eigenen Aufschwung schützen wollen, werden als Risikofaktoren genannt. Weiterhin muss davon ausgegangen werden, dass der Ölpreis weiter steigt, zumindest aber hoch bleibt. Der Euro-Kurs ist dabei schwieriger einzuschätzen, als der Ölpreis.

Inflation vor der Tür

Ein weiteres Risiko wird die Inflation. Nachdem eine Reihe von Jahren Ruhe an der Preisfront herrschte, steigen heutzutage nicht nur die Preise für Öl. Die Strompreise steigen stetig, die internationalen Rohstoffpreise steigen und auch die Agrarrohstoffe sind beispielsweise seit Mai 2010 um 40 Prozent gestiegen. Nicht jede Rohstoffverteuerung wird an den Verbraucher weitergegeben. Grundsätzlich sorgt ein schwacher Euro für verteuerte Importe. Doch folgt man den Prognosen muss bereits im laufenden Jahr wieder mit Inflationsraten deutlich über zwei Prozent gerechnet werden. Im vergangenen Jahr lag die Preissteigerung bei 1,1 Prozent.

Maschinenbau verdoppelt Prognose

Allein im November vergangenen Jahres lag der Auftragseingang im Maschinenbau um real 43 Prozent über dem Ergebnis des Vorjahres. Dabei stieg das Inlandsgeschäft um 23 Prozent und bei der Auslandsnachfrage gab es ein Plus von 53 Prozent. Vergleicht man dabei die letzten drei Monate ergibt sich ein insgesamtes Plus von 34 Prozent. Hier gehen 27 Prozent auf des Inlandskonto und 38 Prozent sind die Auslandsaufträge gestiegen. Von einigen Großaufträgen gestützt ist die Bedeutung des Exportes für die Branche klar ersichtlich. Im Inland setzt sich die etwas ruhigere Gangart fort.

Der Klimaindex des Maschinenbaus liegt bei 142,7 gegenüber 80,9 im Vorjahr und 110,4 in der Herbstumfrage.

Skepsis im Bau

Das deutsche Bauhauptgewerbe hat den Anschluss an den gesamtwirtschaftlichen Aufschwung noch nicht geschafft. Während die Unternehmen des Verarbeitenden Gewerbes 2010 ein Umsatzplus von zwölf Prozent verbuchen konnten, sind die Umsätze im Bauhauptgewerbe um ein Prozent gesunken. Für das Jahr 2011 werden bestenfalls stabile Umsätze auf Vorjahresniveau erwartet. Möglicherweise sogar noch einmal einen Umsatzrückgang von bis zu einem Prozent.

Vor allem der Wirtschaftsbau hat 2010 die Baubilanz belastet. Die Konjunktur im Verarbeitenden Gewerbe ist zwar angesprungen; es braucht jedoch noch einige Monate, bis wieder bauintensive Erweiterungsinvestitionen in Auftrag gegeben werden. Dennoch ist das Umsatzminus dank des gesamtwirtschaftlichen Aufschwungs mit 4,5 Prozent nicht ganz so hoch ausgefallen wie zunächst befürchtet.

Dagegen hat der Erholungsprozess im Wohnungsbau deutliche Fortschritte gemacht. Die Stabilisierung der Einkommenserwartungen im Zuge des Konjunkturaufschwungs, ein wieder erwachtes Interesse der Anleger an Wohnimmobilien, anhaltend niedrige Zinsen und das hohe Niveau der Förderung der energetischen Sanierung des Wohnungsbestandes hat zu einem Umsatzplus von nominal sechs Prozent beigetragen. Allerdings geht der Erholungsprozess von einem äußerst niedrigen Niveau aus. Die „Renaissance des Wohnungsbaus“ wird sich 2011 fortsetzen, so die Prognosen aus der Branche. Ein Umsatzplus von drei Prozent erscheint erreichbar.

Als enttäuschend gilt die Entwicklung des Öffentlichen Baus. Immerhin hat der Bund im Rahmen seiner zwei Konjunkturprogramme für die Jahre 2009 und 2010 Investitionsmittel im Umfang von knapp 15 Mrd. Euro bereitgestellt. Trotzdem sind die Umsätze im Öffentlichen Bau 2010 nicht gestiegen, sondern um drei Prozent zurückgegangen. Vor allem der verzögerte Abfluss der Fördermittel und die starke Konzentration der Fördermittel auf die energetische Sanierung im Gebäudebestand sind Gründe dafür. Für 2011 wird mit einem weiteren Rückgang der Umsätze im Öffentlichen Bau von 4,5 Prozent. Ein tiefer Einbruch ist im kommunalen Bereich zu befürchten. Darauf deuteten die Ergebnisse des KfW-Kommunal-Panels hin, nach dem die kommunalen Investitionen, einschließlich kommunaler Unternehmen, 2011 um 13 Prozent auf nur noch 31 Mrd. Euro zurückgehen würden.

Der Klimaindex im Baugewerbe liegt bei 70,7 gegenüber 122,5 im Vorjahr und 132,3 in der Herbstumfrage.

Einzelhandel auf dem Weg der Besserung

Die aktuelle Umfrage fiel ins Weihnachtsgeschäft, eine sehr umsatzträchtige Zeit für den Einzelhandel. Nach einer langen Durststrecke ist der Einzelhandel damit wieder in eine Zufriedenheitszone eingedrungen. Während gut 20 Prozent mit der aktuellen Lage zufrieden sind und damit ein, wenn auch knapper, positiver Saldo gezogen werden kann, sieht der Blick nach vorn schon wieder vorsichtiger aus: Offensichtlich sieht man in der Branche noch keine belastbare Stabilität im Konsumverhalten. Obwohl die Beschäftigung steigt und deutliche Lohnsteigerungen prognostiziert werden, bleibt man zurückhaltend.

Der Klimaindex des Einzelhandels liegt bei 95,7, gegenüber 68,0 im Vorjahr und 95,0 in der Herbstumfrage.

Erhebliche Unterschiede in den Kreisen

Bei der aktuellen Umfrage tritt eine deutlich unterschiedliche Entwicklung in den drei Kreisen zu Tage. Die Unternehmen aus dem Wetteraukreis kommen auf einen Klimaindex von 118,5. Damit steigert man sich sowohl gegenüber 92,1 im Vorjahr und 108,8 in der Herbstumfrage. Insgesamt bewegen sich die Betriebe zwischen Bad Vilbel und Butzbach im Trend des Hessenergebnisses. Hier liegt der aktuelle Klimaindex bei 128,1, gegenüber 101,0 im Vorjahr und 122,4 in der Herbstumfrage.

Der in der Herbstumfrage mit 122,3 an der Spitze rangierende Landkreis Gießen ist auf einen Klimaindex von 113,2 recht deutlich zurückgefallen, liegt aber dennoch klar über dem Vorjahresergebnis von 97,7. Der Stimmungsrückgang geht durch alle Branchen: Sowohl in der Industrie, aber auch im Bau und im Dienstleistungsgewerbe hat sich die Stimmung negativ verändert.

Auch im Vogelsbergkreis hat sich das wirtschaftliche Klima verschlechtert, wenn auch nicht so dramatisch wie im Landkreis Gießen. Insgesamt wird im Vogelsbergkreis ein Klimaindex von 93,8 erreicht, gegenüber 78,8 im Vorjahr und 96,8 in der Herbstumfrage.

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Verantwortlich für den Inhalt und Pressekontakt: Kurt Schmitt, Tel. 06031 / 609-1100 – K110

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