Atem holen oder Abschwung?
Exporte lassen nach – Zufriedenheit überwiegt dennoch
(Gießen-Friedberg, 25.10.2011) – Die konjunkturelle Situation hat sich verschlechtert. Gegenüber der Vorjahresumfrage in einem moderaten Umfang. Gegenüber der Frühjahrsumfrage ist der Stimmungsrückgang allerdings deutlich. Insgesamt jedoch verbleibt der Stimmungsbarometer im zuversichtlichen Bereich. Bedenklich ist der deutliche Rückgang bei den exportorientierten Investitionsgüterherstellern. Dies deutet darauf hin, dass sich die Konjunktur vor allem in den Hauptabnehmerländern Europas verschlechtert und für ein eingetrübtes Exportklima sorgt.
Das Wachstum in Deutschland wird für das laufende Jahr auf 2,9 Prozent prognostiziert. Nachdem im Jahre 2010 eine Steigerung des Bruttoinlandsproduktes um 3,5 Prozent erreicht wurde, haben die Institute für das Jahr 2012 die Prognosen deutlich gesenkt. Das DIW beispielsweise geht von einer Steigerung um nur noch 1,25 Prozent aus. Das Kieler Institut für Weltwirtschaft erwartet gar nur ein Plus von 0,8 Prozent.
Es herrscht extreme Unsicherheit
Die dramatischen Schwankungen sind ein Zeichen für extreme Unsicherheit. Maßgeblich für die ständigen Turbulenzen an den Finanzmärkten sind die Staatsschuldenkrisen in Europa und die hohe Verschuldung in den USA. Die reale Wirtschaft ist einem Trommelfeuer von schlechten Nachrichten ausgesetzt. Auch in China lässt das Wachstum nach. Gleichwohl bleiben die Schwellenländer in Asien, Südamerika und Osteuropa auch in dieser Krise die Hoffnungsträger. Neben dem schwierigeren Export sind allerdings auch die gestiegenen Stromkosten als Folge des Atomausstieges, nach wie vor hohe Rohstoffpreise und die Rezession in Japan als Folge der Natur- und Atomkatastrophe als Bremsfaktoren der konjunkturellen Entwicklung identifiziert.
Erst die Banken, nun die Staaten
Waren es bei der Finanzkrise 2008 die zahlungsunfähigen Privathaushalte in den USA, welche die Banken gefährdeten, sind es nunmehr die zahlungsunfähigen Staaten, die die Finanzinstitute und mitunter die gesamte europäische Wirtschaft ins Schwanken bringen. Für die private Nachfrage gilt: Noch ist die Kauflust in Deutschland ungetrübt. Doch die Verbraucher reagieren zunehmend verstört auf die Schuldenkrise. Auf der anderen Seite die Unternehmen: Vorgesehene Einstellungen werden ebenso zurückgestellt wie der Kauf neuer Maschinen. Damit hätte die Verunsicherung, die zunächst als abstraktes Gebilde an den Finanzmärkten entsteht, die reale Wirtschaft erreicht. Die Frage wird sein: Treibt die Staatsschuldenkrise die Wirtschaft in eine Rezession, steht nur ein leichter Abschwung bevor oder wird die Schuldenkrise ohne große Schrammen überwunden? In Europa droht sich die Staatsschuldenkrise zu einer Bankenkrise auszuweiten, denn viele Banken halten in großem Umfang Schuldtitel der von der Krise betroffenen Staaten.
Aktuelle Lage gut, Aussichten negativer
Bei der Einschätzung der aktuellen Lage sind 41 Prozent der Betriebe zufrieden. Im vergangenen Jahr war fast genau ein Drittel aller hiesigen Unternehmen zufrieden, aber bei der vergangenen Umfrage im Frühjahr 2011 beurteilten 45 Prozent der regionalen Wirtschaft die aktuelle Lage mit gut. Schlecht sehen aktuell 14 Prozent der Betriebe die derzeitige Geschäftslage; im vergangenen Jahr waren es 13 Prozent und im Frühjahr 15 Prozent. Damit wird nach wie vor ein stabiler positiver Saldo ermittelt, der aktuell bei 27 Prozentpunkten liegt. Es mutet an, als holt der Wanderer Atem für den weiteren Aufstieg. Denn aus heutiger Sicht ist kein dramatischer Abschwung in Sicht. Doch der leichte Abstieg kann, bei der herrschenden Verunsicherung, durchaus in einen Abschwung führen.
Etwas anders und deutlich negativer zeigen sich die Veränderungen bei der Einschätzung zur künftigen Entwicklung. Hier sind 20 Prozent aller Betriebe optimistisch, gegenüber 24 Prozent im vergangenen Jahr und 28 Prozent im Frühjahr. Während die skeptischen Stimmen vergleichsweise nahe beieinander liegen, ergibt sich dennoch eine klare Verschlechterung beim Saldo von Optimismus und Pessimismus: Waren im Frühjahr noch zehn Prozent mehr Unternehmen zuversichtlich, liegt der Saldo aktuell bei Plus-Minus-Null.
Mit all diesen Werten wird heute ein Klimaindex von 112,9 ermittelt. Dieser Wert lag im vergangenen Jahr bei 113,3 – also gleichauf - aber im Frühjahr 2011 bei 120,5 und damit deutlich besser als bei der diesjährigen Herbstumfrage. Der Klimaindex ist ein Durchschnittswert aus den Antworten zur Gegenwart und zur Zukunft. Er kann zwischen 200 als bestem Wert und Null als schlechtestem Wert liegen.
Die Konjunkturumfrage der IHK Gießen-Friedberg fand von Mitte August bis Mitte September 2011 statt. Befragt wurden gut 1.200 Mitgliedsbetriebe aus den Landkreisen Gießen, Vogelsberg und Wetterau.
Maschinenbau profitiert weiter von China
Die deutschen Maschinenbauer gehen im Jahre 2011 von einer Steigerung der Produktion um rund 14 Prozent aus. Damit würde ein Niveau von rund 188 Mrd. Euro erreicht. Getragen wird diese positive Entwicklung maßgeblich von China. Die Maschinenbau-Exporte ins Reich der Mitte steigen in diesem Jahr um geschätzte 40 Prozent. Doch auch in China läuft nicht alles rund: So treten die Kreditinstitute bereits auf die Bremse, um eine Überhitzung der chinesischen Wirtschaftsentwicklung und fühlbare Preissteigerungen zu bekämpfen. Das schwere Zugunglück Ende Juli hat Änderungen im Eisenbahnministerium bei den mittelfristigen Investitionsplanungen in Gang gesetzt. Das schier grenzenlose Vertrauen in die eigene Technologie der Superschnellzüge ist nachhaltig erschüttert und führt zu Auftragsstornierungen. Leidtragende sind dabei vor allem Schienentechnikhersteller aus Deutschland. Überdies fällt gerade an der stark industrialisierten Ostküste Chinas immer wieder der Strom aus und behindert die wirtschaftliche Entwicklung spürbar.
Die Produktionskapazitäten der Maschinenbauer sind mit 90 Prozent ausgelastet und weisen damit eine hohe Neigung zu Erweiterungsinvestitionen auf. Auch für das kommende Jahr gehen die Maschinenbauer von einer positiven, wenn auch deutlich verlangsamten, Entwicklung aus. Die Branche rechnet mit einer weiteren Steigerung der Produktion um rund vier Prozent. Von Monat zu Monat allerdings, werde sich das Wachstum verlangsamen, heißt es aus der Branche. Damit würde das seitherige Topniveau aus dem Jahre 2007, dem Jahr vor Beginn der Finanzkrise, um eine Milliarde Euro übertroffen. Der Maschinenbau hält es für ganz entscheidend, wie die Politik die Schuldenkrise weiter managt. Eine weitere Unentschlossenheit der Politik könne in einen Abschwung führen.
Auch im Bereich der Beschäftigung ist die Branche zufrieden und geht von einer gesamten Zunahme des Personalbestandes im Jahre 2011 von 20.000 Beschäftigten aus. Insgesamt arbeiten im deutschen Maschinenbau dann rund 924.000 Menschen.
Der Klimaindex des Maschinenbaus liegt bei 117,3 gegenüber 110,4 im Vorjahr und 156,5 bei der Frühjahrsumfrage.
Wohnungsbau ist Wachstumstreiber
Die befürchtete Abkühlung ist auf dem deutschen Baumarkt noch nicht angekommen. Der baugewerbliche Umsatz im Juli zwar nur noch um nominal 1,9 Prozent gestiegen; dafür nahmen aber die Auftragseingänge um nominal 9 Prozent zu. Für die ersten sieben Monate ergibt sich damit ein Umsatzplus von 12,6 Prozent.
Wachstumstreiber bleibt der Wohnungsbau: Dank anhaltend günstiger Rahmenbedingungen legten die Umsätze für die ersten sieben Monate um 16,7 Prozent zu. Noch höher fiel die Wachstumsrate der Auftragseingänge aus; die in den ersten sieben Monaten des Jahres um 24,8 Prozent über dem Vorjahresniveau lagen. Positiv bleiben auch die Erwartungen für den weiteren Jahresverlauf. Die Genehmigungen für neue Wohngebäude stiegen in den Monaten Januar bis Juli 2011 im Vorjahresvergleich um 29 %.
Ähnlich positiv sieht die Lage im Wirtschaftsbau aus. Zwar konnten die äußerst hohen Wachstumsraten des ersten Quartals nicht gehalten werden; im Juli stieg der baugewerbliche Umsatz in dieser Sparte aber immerhin noch um knapp fünf Prozent. Das hohe Genehmigungsplus von nahezu 20 Prozent für gewerbliche Bauten von Januar bis Juli lässt auch für den Rest des Jahres eine positive Entwicklung erwarten.
Schwierig ist die Lage im Öffentlichen Bau. Beim Umsatz macht sich das Auslaufen der Konjunkturprogramme bemerkbar. Wegen des starken ersten Quartals ergibt sich aber für die ersten sieben Monate noch ein Wachstum von 6,7 Prozent. Im Monat Juli dagegen wurde ein Rückgang des Umsatzes um knapp fünf Prozent ermittelt. Der Trendpfeil zeigt damit nach unten. Die Branche fordert die Kommunen auf, die deutlich gestiegenen Steuereinnahmen zu investieren.
Die Branche fordert Infrastrukturmaßnahmen. Besonders das Straßennetz stoße bereits heute an seine Kapazitätsgrenzen. Ein weiterer Anstieg des Verkehrsaufkommens könne ohne volkswirtschaftliche Verluste nicht mehr aufgefangen werden. Bis 2025 wird ein Zuwachs von rund 80 Prozent im Straßengüterverkehr und von 20 Prozent im Personenverkehr erwartet. Neben der staatlichen Finanzierung wird auch die mitunter fehlende Akzeptanz für Infrastrukturmaßnahmen in der Bevölkerung zum Hindernis.
Der Klimaindex in der Baubranche liegt mit 132,3 genau so hoch wie im Vorjahr, gegenüber 139,4 bei der Frühjahrsumfrage.
Konsument hat Angst vor Staatsverschuldung
Die immense Staatsverschuldung macht den Bundesbürgern einer Umfrage zufolge derzeit am meisten Angst. 62 Prozent erklärten im jüngsten "Sorgenbarometer" des Magazins "Stern", sie hätten davor große oder sehr große Furcht. Auf Platz zwei folgt die Angst vor Arbeitslosigkeit vor der Sorge um den Zustand der Umwelt. Diesen verunsicherten Konsumenten, dem täglich die große Rezession herbeigeredet wird, belasten darüber hinaus steigende Kosten für Energie und Gesundheit. Steigende Stromkosten auf Grund des Ausstieges aus der Atomenergie werden den Konsum noch eine ganze Weile begleiten. Deshalb gehen die Einzelhändler von einem nachlassenden Wachstumstempo für den Rest des Jahres aus – und hoffen mal wieder auf das Weihnachtsgeschäft. Das erste Halbjahr 2011 war dabei das stärkste für den Einzelhandel seit sechs Jahren.
Sorgen machen der Branche darüber hinaus auch Diskussionen in Berlin um künftige Steuerpläne. Das neue SPD-Steuerkonzept träfe nicht nur besser verdienende Angestellte, sondern auch die Mehrheit der deutschen Handelsunternehmen. Denn die meisten Betriebe dieser Branche sind Personenunternehmen. Von den höheren Steuern wären damit 80 Prozent des Einzelhandelsumsatzes betroffen. Auch ständige Diskussionen um die Vermögenssteuer schadeten: Schließlich senke eine Entwertung des Vermögens die Konsumnachfrage.
Der Klimaindex im Einzelhandel liegt bei 87,0 gegenüber 95,0 im Vorjahr.
IHK-Pressemeldung 142, 12.719 Zeichen, 165 Zeilen
Verantwortlich für den Inhalt und Pressekontakt: Kurt Schmitt, Tel. 06031 / 609-1100 – K110




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