Stimmung geht überall zurück
Ergebnisse der IHK-Umfrage nach Branchen
(Gießen-Friedberg, 25.10.2011) – Auch diesmal geht die Konjunktur-Umfrage wieder detaillierter auf die wirtschaftliche Lage einiger Branchen im IHK-Bezirk ein.
Maschinenbau ist (noch) zufrieden
Die deutschen Maschinenbauer gehen im Jahre 2011 von einer Steigerung der Produktion um rund 14 Prozent aus. Damit würde ein Niveau von rund 188 Mrd. Euro erreicht. Getragen wird diese positive Entwicklung maßgeblich von China. Die Maschinenbau-Exporte ins Reich der Mitte steigen in diesem Jahr um geschätzte 40 Prozent. Doch auch in China läuft nicht alles rund: So treten die Kreditinstitute bereits auf die Bremse, um eine Überhitzung der chinesischen Wirtschaftsentwicklung und fühlbare Preissteigerungen zu bekämpfen. Das schwere Zugunglück Ende Juli hat Änderungen im Eisenbahnministerium bei den mittelfristigen Investitionsplanungen in Gang gesetzt. Das schier grenzenlose Vertrauen in die eigene Technologie der Superschnellzüge ist nachhaltig erschüttert und führt zu Auftragsstornierungen. Leidtragende sind dabei vor allem Schienentechnikhersteller aus Deutschland. Überdies fällt gerade an der stark industrialisierten Ostküste Chinas immer wieder der Strom aus und behindert die wirtschaftliche Entwicklung spürbar.
Die Produktionskapazitäten der Maschinenbauer sind zu 90 Prozent ausgelastet und weisen damit eine hohe Neigung zu Erweiterungsinvestitionen auf. Auch für das kommende Jahr gehen die Maschinenbauer von einer positiven, wenn auch deutlich verlangsamten Entwicklung aus. Die Branche rechnet mit einer weiteren Steigerung der Produktion um rund vier Prozent. Von Monat zu Monat allerdings werde sich das Wachstum verlangsamen, heißt es aus der Branche. Damit würde das seitherige Topniveau aus dem Jahre 2007, dem Jahr vor Beginn der Finanzkrise, um eine Milliarde Euro übertroffen. Der Maschinenbau hält es für ganz entscheidend, wie die Politik die Schuldenkrise weiter managt. Eine weitere Unentschlossenheit der Politik könne in einen Abschwung führen.
Auch im Bereich der Beschäftigung ist die Branche zufrieden und geht von einer gesamten Zunahme des Personalbestandes im Jahre 2011 von 20.000 Beschäftigten aus. Insgesamt arbeiten im deutschen Maschinenbau dann rund 924.000 Menschen.
Der Klimaindex des Maschinenbaus liegt bei 117,3 gegenüber 110,4 im Vorjahr und 156,5 bei der Frühjahrsumfrage.
Elektroindustrie unbeeindruckt
Die deutsche Elektroindustrie zeigt sich bisher unbeeindruckt von der weltweiten Schuldenkrise. Stabil sind insbesondere die Exporte. Im Juli beispielsweise wurde der höchste, jemals im Juli erzielte Umsatz erreicht. In den ersten sieben Monaten des Jahres wurde der 2010er Wert um rund zehn Prozent übertroffen. Gerade die Ausfuhren nach China stiegen dabei um 24 Prozent an. Doch auch die Lieferungen in die Vereinigten Staaten stiegen in den ersten sieben Monaten um 19 Prozent überdurchschnittlich an. Beide Länder haben im übrigen Frankreich als Hauptabnehmerland deutscher Elektroexporte abgelöst.
Der Klimaindex der Elektrotechnik liegt bei 131,5 gegenüber 132,3 im Vorjahr und 150,0 bei der Frühjahrsumfrage.
Es wird wieder (etwas) mehr Bier getrunken
Es wird wieder mehr Bier getrunken in Deutschland. Um genau ein Prozent stieg der Bierabsatz der deutschen Brauereien im ersten Halbjahr 2011. Dabei waren 83 Prozent des Absatzes für den Inlandsmarkt bestimmt. Im Jahre 2010 war der Pro-Kopf-Verbrauch von Bier in Deutschland auf den historischen Tiefststand von 101,8 Litern gesunken – zum Vergleich: Im Jahre 1976 lag er bei genau 150,9 Liter. Dabei haben die hessischen Brauereien mit einem Zuwachs von 12,2 Prozent den stärksten Zuwachs. Gestiegen ist insbesondere der Absatz von Biermischgetränken.
Die leichte Steigerung fand in einem alles anderen als günstigen Umfeld statt: Kein Sommer im Jahre 2011, die Bevölkerung altert, immer weniger harte, körperliche Arbeit, andere Trinkgewohnheiten bei der wachsenden Gruppe der Migranten und bis auf die Frauen-Fußball-Weltmeisterschaft – und die war enttäuschend – gab es in diesem Jahr keinen herausragenden deutschlandweiten Konsumanlass. Wegen der vergleichsweise schlechten Getreideernte und gestiegender Nahrungsmittelpreise ist für die nahe Zukunft mit Preissteigerungen zu rechnen.
Der Klimaindex in der Getränkebranche liegt bei 47,1 gegenüber 61,2 im Vorjahr.
Bau verhalten gut
Die befürchtete Abkühlung ist auf dem deutschen Baumarkt noch nicht angekommen. Der baugewerbliche Umsatz im Juli zwar nur noch um nominal 1,9 Prozent gestiegen; dafür nahmen aber die Auftragseingänge um nominal 9 Prozent zu. Für die ersten sieben Monate ergibt sich damit ein Umsatzplus von 12,6 Prozent.
Wachstumstreiber bleibt der Wohnungsbau: Dank anhaltend günstiger Rahmenbedingungen legten die Umsätze für die ersten sieben Monate um 16,7 Prozent zu. Noch höher fiel die Wachstumsrate der Auftragseingänge aus die in den ersten sieben Monaten des Jahres um 24,8 Prozent über dem Vorjahresniveau lagen. Positiv bleiben auch die Erwartungen für den weiteren Jahresverlauf. Die Genehmigungen für neue Wohngebäude stiegen in den Monaten Januar bis Juli 2011 im Vorjahresvergleich um 29 %.
Ähnlich positiv sieht die Lage im Wirtschaftsbau aus. Zwar konnten die äußerst hohen Wachstumsraten des ersten Quartals nicht gehalten werden; im Juli stieg der baugewerbliche Umsatz in dieser Sparte aber immerhin noch um knapp fünf Prozent. Das hohe Genehmigungsplus von nahezu 20 Prozent für gewerbliche Bauten von Januar bis Juli lässt auch für den Rest des Jahres eine positive Entwicklung erwarten.
Schwierig ist die Lage im Öffentlichen Bau. Beim Umsatz macht sich das Auslaufen der Konjunkturprogramme bemerkbar. Wegen des starken ersten Quartals ergibt sich aber für die ersten sieben Monate noch ein Wachstum von 6,7 Prozent. Im Monat Juli dagegen wurde ein Rückgang des Umsatzes um knapp fünf Prozent ermittelt. Der Trendpfeil zeigt damit nach unten. Die Branche fordert die Kommunen auf, die deutlich gestiegenen Steuereinnahmen zu investieren.
Die Branche fordert Infrastrukturmaßnahmen. Besonders das Straßennetz stoße bereits heute an seine Kapazitätsgrenzen. Ein weiterer Anstieg des Verkehrsaufkommens könne ohne volkswirtschaftliche Verluste nicht mehr aufgefangen werden. Bis 2025 wird ein Zuwachs von rund 80 Prozent im Straßengüterverkehr und von 20 Prozent im Personenverkehr erwartet. Neben der staatlichen Finanzierung wird auch die mitunter fehlende Akzeptanz für Infrastrukturmaßnahmen in der Bevölkerung zum Hindernis.
Der Klimaindex in der Baubranche liegt mit 132,3 genau so hoch wie im Vorjahr, gegenüber 139,4 bei der Frühjahrsumfrage.
Einzelhandel: Der Konsument ist verängstigt
Die immense Staatsverschuldung macht den Bundesbürgern einer Umfrage zufolge derzeit am meisten Angst. 62 Prozent erklärten im jüngsten "Sorgenbarometer" des Magazins "Stern", sie hätten davor große oder sehr große Furcht. Auf Platz zwei folgt die Angst vor Arbeitslosigkeit gefolgt von der Sorge um den Zustand der Umwelt. Diesen verunsicherten Konsumenten belasten darüber hinaus steigende Kosten für Energie und Gesundheit. Steigende Stromkosten auf Grund des Ausstieges aus der Atomenergie werden den Konsum noch eine ganze Weile begleiten. Deshalb gehen die Einzelhändler von einem nachlassenden Wachstumstempo für den Rest des Jahres aus – und hoffen mal wieder auf das Weihnachtsgeschäft. Das erste Halbjahr 2011 war dabei das stärkste für den Einzelhandel seit sechs Jahren.
Sorgen machen der Branche darüber hinaus auch Diskussionen in Berlin um künftige Steuerpläne. Das neue SPD-Steuerkonzept träfe nicht nur besser verdienende Angestellte, sondern auch die Mehrheit der deutschen Handelsunternehmen. Denn die meisten Betriebe dieser Branche sind Personenunternehmen. Von den höheren Steuern wären damit 80 Prozent des Einzelhandelsumsatzes betroffen. Auch ständige Diskussionen um die Vermögenssteuer schadeten: Schließlich senkt eine Entwertung des Vermögens die Konsumnachfrage und vor allem die Investitionen.
Der Klimaindex im Einzelhandel liegt bei 87,0 gegenüber 95,0 im Vorjahr.
Trübe Stimmung in der Gastronomie
Die Stimmung in der regionalen Gastronomie ist schlecht. Obwohl das erste Halbjahr gesamtwirtschaftlich gut lief und ein anhaltender Trend zum Deutschland-Tourismus besteht, sind die hiesigen Wirte nicht zufrieden. Der regnerische Sommer hat die Stimmung regelrecht verhagelt. Gerade die Ausflugsgastronomie, die Eisdielen und Biergärten mussten immense Rückgänge verkraften. Die Hotellerie kann verstärkt auf ausländische Touristen bauen, die, genau wie die Deutschen selbst, offenbar nun die Vielfalt des Reiselandes Deutschland entdecken. Überdies ist die Hotellerie nach wie vor über die Senkung des Mehrwertsteuersatzes erfreut. Was die IHK etwas anders sieht.
Ein spezielles Thema der Branche ist die Hygieneampel: Die Gastronomen kritisieren, dass aufgrund einer Momentaufnahme Betriebe an den Pranger gestellt würden, obwohl die Mängel längst beseitigt seien. Unter dem Stichwort „Hygienebarometer“ können sich die Gastronomen auf der Homepage der IHK an einer Umfrage beteiligen.
Der Klimaindex in der Gastronomie liegt bei 69,3, gegenüber 109,5 im Vorjahr und 75,0 bei der Frühjahrsumfrage.
Stabiler Markt Medizintechnik
Der Gesundheitsmarkt ist nach wie vor ein stabiler Markt. Dies gilt sowohl für die Nachfrage- als auch für die Angebotsseite. Denn Menschen sorgen sich sowohl in Boom-Zeiten als auch in Rezessionen um ihre Gesundheit. Verbandsmaterial wird deshalb immer benötigt, genau wie hochwertige medizintechnische Geräte. Je mehr Menschen auf der Erde leben und je älter sie werden, umso größer der Bedarf an Medizintechnik. Bis zum heutigen Tage sind daher die Betriebe aus diesem Wirtschaftssegment vergleichsweise wenig von der globalen Krise betroffen. Der Pharma- und Chemiesektor kommt beispielsweise auf einen hohen Klimaindex.
Seit 2007 werten wir die Branche „Medizintechnik“ aus. Wir haben dazu sämtliche Firmen aus unserem Bezirk, die in dieses Raster fallen, mit in die Konjunkturbefragung aufgenommen bzw. in dieser Gruppe zusätzlich zusammengefasst.
Der Klimaindex in der Medizintechnik liegt bei 124,8, gegenüber 135,2 im Vorjahr und 126,7 bei der Frühjahrsumfrage.
IHK-Pressemeldung 142, 10.310 Zeichen, 161 Zeilen
Verantwortlich für den Inhalt und Pressekontakt: Kurt Schmitt, Tel.: 06031/609-1100




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